Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Kultur
  • Buchmesse Frankfurt/Main

Ein deutsches Verbrechen

Piotr Gursztyn klagt das vergessene Massaker von Wola an

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Oradour-sur-Glane, Lidice, Distomo: Orte der Erinnerung an deutsche Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges. Diese Verbrechen »waren das Ergebnis der von den Deutschen angewandten Taktik, den Widerstand mit allen Mitteln zu unterdrücken, ohne auf das Kriegsrecht bzw. auf internationales Recht und geltende Konventionen Rücksicht zu nehmen«, schreibt Piotr Gursztyn in seiner zum 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands auch auf Deutsch erschienenen Monografie. »Ein einziges Mal haben die Deutschen diese Methode auf die Zivilbevölkerung einer großen Stadt angewandt: in zwei westlichen Bezirken Warschaus - in Wola und Ochota … In Wola war das Massaker kein Ergebnis von Exzessen, sondern ein systematisch durchgeführtes Verbrechen.«

Piotr Gursztyn: Der vergessene Völkermord. Das Massaker von Wola in Warschau 1944.
A. d. Poln. v. Bernard Wiaderny. Bebra, 352 S., geb., 24 €.

In wenigen Tagen, im August 1944, ermordeten deutsche Soldaten, SS-Männer und Polizisten bis zu 60 000 Menschen, allein am 5. August 45 000. Männer, Frauen, Kinder. Nicht im Kampf. Die Details des Geschehens, die Gursztyn aufzählt, sind kaum fassbar; die Grausamkeit der Mörder, ihr Sadismus, nicht auszuhalten. Straße für Straße, Haus für Haus zogen sie mordend, plündernd, brandschatzend, vergewaltigend durch Wola, das die Aufständischen von Warschau nicht lange verteidigen konnten. Schulen, Krankenhäuser, Kirchen - die Okkupanten kannten keinen Halt, keine Hemmschwellen. Die Überlebenden des Massakers versuchten später, das Geschehen nicht ins Vergessen fallen zu lassen. Gursztyn hat akribisch die Protokolle, Berichte und Erzählungen gesammelt.

Dieses Buch ist ein Denk- und Mahnmal, vor allem eine Erinnerung an die Opfer. Gursztyn verschließt sich nicht der Frage, ob die Heimatarmee das Massaker hätte verhindern können. Er kommt zu dem Schluss, dass das Oberkommando der Heimatarmee - nach eigener Einschätzung - die Lage unterschätzt hatte. Als die Ausmaße der Verbrechen bekannt wurden, war es jedoch bereits zu spät und die Mittel waren zu begrenzt, um militärisch einzugreifen

Ein polnischer Kommandant berichtete damals: »Weitere Häuser verbrennen, der Feind schlachtet die Bevölkerung von Wola … Wenn ihr heute helfen könnt, dann schnell - es bleibt nicht viel Zeit übrig. Mit einem Stock kann sich niemand verteidigen.« Am Ende, nach der Niederlage der Warschauer Aufständischen, war die polnische Hauptstadt eine Trümmerwüste, von den Deutschen systematisch geplündert und dem Erdboden gleichgemacht. Bis zu deren Abzug im Januar 1945 lebten noch rund 1000 Menschen in den Ruinen.

Das Massaker von Wola geriet zwar nicht in Vergessenheit, die Erinnerung wurde auch nicht unterdrückt - aber es gab bemerkenswert wenig öffentliches Interesse. Gursztyn sieht eine mögliche Ursache darin, dass die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind. Kein an den Massakern in Wola beteiligter Deutscher oder in deutschen Diensten stehender Soldat wurde in der Bundesrepublik verurteilt. Und diejenigen, die vor Gericht kamen, erinnerten sich plötzlich an nichts, vermieden jedes Detail oder hatten angeblich, Gipfel des Zynismus, als Zeugen die Morde mit ansehen »müssen«.

Der Historiker lässt diese Ausrede nicht gelten. Sein letzter Blick richtet sich aber nicht auf jene, sondern auf die Bewohner von Wola. Ihre Geschichte ist bewegend: »Es ist eine Geschichte von Menschen, die angesichts des Todes fähig waren, ihre Würde und Menschlichkeit zu wahren.« Eine Geschichte von Menschen, über die im August 1944 die Hölle hereinbrach.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln