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Bienen brauchen keinen Krieg

Ein tragikomischer Roman von Andrej Kurkow über den Alltag im Donbass

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Donbass, reich an Steinkohle-, Eisen- und Manganerzlagern, war das schwerindustrielle Zentrum des zaristischen Russlands, der Sowjetunion und der unabhängig gewordenen Ukraine. Seit der Ausrufung der Volksrepubliken Donezk und Lugansk im Frühjahr 2014 schwelt hier ein Krieg zwischen der ukrainischen Armee und den von Russland unterstützten Separatisten, der trotz aller Vereinbarungen unter den bewaffneten Kräften wie unter der Zivilbevölkerung zahlreiche Opfer gefordert hat. Mit betroffen ist die »graue Zone«, das Gebiet zwischen den Fronten, in dem plan- und ziellos Geschosse beider Seiten Orte zerstören und Menschenleben vernichten.

Andrej Kurkow: Graue Bienen. A. d. Russ. v. Johanna Marx und Sabine Grebing.
Diogenes. 445 S., geb., 24 €.

Mitten in diese »graue Zone« versetzt uns der prominente russischsprachige Kiewer Schriftsteller Andrej Kurkow mit seinem Roman »Graue Bienen«. Sergej, sein ebenfalls russischsprachiger Protagonist, und dessen »Kindheitsfeind« Paschka sind die letzten Bewohner eines Dorfes, aus dem die Nachbarn längst geflohen sind. Beide sind Frührentner, sie haben sich im Bergbau eine Staublunge zugezogen. Jetzt sind sie aufeinander angewiesen, auch wenn Sergej mit den ukrainischen Soldaten sympathisiert und Paschka Kontakt zu den prorussischen Milizen unterhält. Ihr Dorf wird immer wieder von Granaten getroffen, es gibt weder Strom noch einen Dorfladen, lediglich hausgemachten Honig und Schnaps.

Der Hobbyimker Sergej möchte seine sechs Bienenstöcke aus dem Krieg heraushalten, dessen Sinn für ihn schleierhaft bleibt. Er will sie in eine Gegend bringen, wo es keine Granaten, sondern Blumen oder Buchweizen gibt.

Als im Frühjahr 2017 die Schießerei zunimmt, macht Sergej seinen alten Schiguli flott, wuchtet die Bienenstöcke auf den Anhänger und bricht auf, um bienenfreundlichere Gegenden zu suchen. Die abenteuerliche Odyssee führt durch die südliche Ukraine bis auf die Krim. Unterwegs begegnet er Menschen, die entweder hilfsbereit sind oder sich gegenüber dem »Fremden« misstrauisch und feindselig verhalten. Bei Saporoshje lernt er die verwitwete Verkäuferin Galja kennen, die ihn am liebsten dabehalten würde. Ein traumatisierter Kriegsheimkehrer bezeichnet ihn als »Russenfreund«, demoliert den Schiguli und will die Bienenstöcke zerschlagen. Auf der Krim stellt ihm die Familie seines alten Imkerfreundes Achtem ihre Bergwiese für die Bienen zur Verfügung. Achtem aber, wie viele muslimische Krimtataren, ist längst der Willkür des FSB zum Opfer gefallen.

Auch Sergej gerät in die Fänge des Geheimdienstes und anscheinend sogar seine Bienen. In einem Albtraum sieht der Imker graue Bienen, die wie Aufklärer in Tarnanzügen operieren. Von der »Weisheit der Natur« begeistert, hatte er bislang angenommen, dass Bienen sich vernünftiger als Menschen verhalten. Sollten der Krieg und die Machenschaften des FSB auch die Bienen verdorben haben? Überzeugt von dem Gedanken, dass sein Haus zwar im Krieg steht, aber nicht daran teilnimmt, kehrt Sergej in sein Dorf zurück.

Kurkow, der mehr als zwanzig erfolgreiche Romane geschrieben hat, versteht es, eine detailreiche spannende Handlung aufzubauen und die Stilmittel einer modernen Schreibweise souverän einzusetzen. Diesmal sympathisiert er uneingeschränkt mit den kleinen Leuten in der Ostukraine und konzentriert seine bissige Ironie auf die Bloßstellung jener Kräfte, die nicht davor zurückschrecken, unschuldige Menschen zu drangsalieren und zu töten. Nachdenklich, doch mit bitteren Untertönen erzählt er die Geschichte des Imkers Sergej, der unpolitisch bleiben möchte. Auf diese Weise entstand ein erschütternder, im Kern tragikomischer Roman über den heutigen Alltag im Donbass.

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