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Ermittlungen zur Tötung von Amin Alizada gefordert

200 Menschen gedachten des von der niedersächsischen Polizei erschossenen afghanischen Geflüchteten

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.
Afghanistan ist nicht sicher. Deutschland ist es für Afghanen auch nicht immer.
Afghanistan ist nicht sicher. Deutschland ist es für Afghanen auch nicht immer.

Warum musste Aman Alizada sterben? Diese Frage stellten sich am Wochenende 200 Demonstrant*innen in der niedersächsischen Stadt Stade. Sie gedachten des 19-jährigen Geflüchteten aus Afghanistan, der Mitte August in seiner Unterkunft in Stade von einem Polizisten erschossen worden war (»nd« berichtete).

Ein Mitbewohner von Aman Alizada hatte die Beamten zuvor gerufen. Der Grund: Der 19-Jährige Afghane litt offenbar unter psychischen Problemen und war nicht ansprechbar. Die dann eintreffenden Polizisten setzten zunächst Pfefferspray gegen Alizada ein. Da dies keine Wirkung gezeigt habe und der Geflüchtete die Polizisten mit einer Hantelstange aus Eisen attackiert haben soll, gab einer der Beamten den tödlichen Schuss ab. Die Staatsanwaltschaft von Stade erklärte, dass man noch genau untersuchen wolle, inwiefern der Schuss aus Notwehr gefallen sei.

Für Dörte Hinz vom Flüchtlingsrat Niedersachsen ist es unverständlich, dass der Polizist, der den Schuss abgegeben hat, weiterhin im Dienst ist. »Wir fordern umfassende und transparente Ermittlungen und wollen verhindern, dass niemand für Alizadas Tod zur Verantwortung gezogen wird«, sagte Hinz gegenüber »nd«. Auch die »Sauerkrautfabrik«, ein Harburger Stadtteilzentrum, das zur Demonstration nach Stade aufgerufen hatte, kritisierte die Ermittlungen: »Geklärt wird das Ganze wahrscheinlich erst in Monaten, wenn nicht in Jahren. Nämlich dann, wenn der Fall wieder aus den Köpfen der Leute verdrängt wurde und sich niemand mehr dafür interessiert.« Höchstwahrscheinlich würden die Ermittlungen, »wie so viele andere auch«, zugunsten der Polizei ausgehen, heißt es in einem Aufruf.

Dörthe Hinz will auch gegen die Vorverurteilung Alizadas in der Öffentlichkeit protestieren. In regionalen Medien wurde behauptet, Alizadas Mitbewohner haben die Polizei gerufen, weil sie Angst vor ihm gehabt hätten. Tatsächlich aber hatten sie erklärt, dass sie wegen seiner psychischen Probleme Angst um ihn gehabt hätten, so die Flüchtlingshelferin. Auch der Polizei hätte die psychische Situation Alizadas bekannt sein müssen. Wenige Tage vor dem tödlichen Einsatz sei sie schon einmal wegen Alizadas psychischer Probleme zu der Unterkunft gerufen worden, so Hinz.

Kai Weber vom Flüchtlingsrat Niedersachsen findet es unverständlich, dass die Polizei nicht darauf vorbereitet war, mit einer solchen Situation ohne Schusswaffengebrauch umgehen zu können.

Alizadas Tod ist kein Einzelfall. Der generelle Umgang der Polizei mit Menschen, die psychische Probleme haben, wurde auf der Demonstration in Stade kritisiert. Zwischen 2009 und 2017 sind jährlich zwischen zehn und zwölf Menschen von der Polizei erschossen worden. Die Hälfte von ihnen hatte psychische Probleme.

Die Demonstranten forderten in Stade ein Gedenken an Alizada. Mitbewohner und Bekannte hielten Reden, um an ihn zu erinnern. Zugleich machten die Aktivisten auch die deutsche Asylpolitik für seinen Tod verantwortlich. Alizada kam 2015 als minderjähriger Flüchtling nach Deutschland, lernte die deutsche Sprache und galt als gut integriert. Kurz vor seinem 18. Geburtstag wurde sein Asylantrag jedoch abgelehnt.

Auch die psychologische Betreuung endete damit. Die Behörden interessierte wohl nicht, wie diese Entscheidung auf die Psyche eines Mannes wirkte, der bereits durch das Leben in Afghanistan und die strapaziöse Flucht nach Deutschland traumatisiert war.

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