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  • Kultur
  • Rassistische Rhetorik

Journalismus als Menschenjagd

Tim Wolff über das Treiben einiger Springer-Journalisten

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor etwa einem Jahr wurde der gescheiterte Pop-Literat und »Welt«-Texter Boris Pofalla auf Twitter gelockt - und er entdeckte, was jeder weiß: dass es dort roh zugeht. Dann pickte er sich einen Tweet der für polemisch-frivole Rassismuskritik bekannten Nutzerin @zugezogenovic heraus, des Inhalts »wieso sind schwule alman Männer so krasser Abfall« - und brachte ihn wegen Volksverhetzung zur Anzeige. Obwohl er etwa von den Lesern seines Heimatblattes oder dem Umfeld seines Kollegen, des Satteltaschen-Goebbels Don Alphonso, wissen müsste, was Volksverhetzung wirklich ist. Dann log Pofalla, die Staatsanwaltschaft hätte von sich aus ermittelt, um Relevanz herzuzaubern. Eine Springer-Masche, die die angeblich unaufgefordert ermittelnde Staatsanwaltschaft lächerlich machte, indem sie im Prozess selbst für Freispruch plädierte.

Dass der Staat, der sonst gern auf die Ratschläge ihres Konzerns hört, mal nicht so will wie sie, das kann Springer-Abfall, Entschuldigung: das können Springer-Männer nicht ertragen. Also setzten sie Frederic von Schwilden auf @zugezogenovic an, einen schillernden Schreiberling, den jeder, der schon mal die gleiche Buchmessenfeier wie er besucht hat, erfolgreich vor Gericht zerren könnte. Nur dass bei Schwilden im Gegensatz zum Ziel seiner Kameradschaft durch einen Schuldspruch der Aufenthaltsstatus nicht gefährdet wäre.

Schwilden lieferte nun unter der Überschrift »Anleitung zum Schwulenhass« das nächste Ergebnis der Methode »Journalismus als Menschenjagd«. Bei der Recherche kokettierte er mit der durch den Prozess gewonnenen Kenntnis des Klarnamens von @zugezogenovic, also der impliziten Drohung, sie den Nazis zum Fraß vorzuwerfen, die sein Haus füttert und von denen er wissen muss, dass sie zu gern an sie herankämen.

Auch er lügt, nämlich, dass zur Verteidigung des Tweets vor Gericht nicht mit künstlerischer Freiheit argumentiert wurde, um so zu tun, als ob @zugezogenovic im Nachhinein Hetze das Deckmäntelchen der Satire überstülpen wolle. Dabei genügt schon ein wenig Kenntnis von Twitter und den Kämpfen der Bubble, zu der @zugezogenovic gerechnet wird, um in dem Tweet die polemisch gefärbte Aussage zu erkennen, dass weiße deutsche Männer selbst dann noch rassistische und misogyne Privilegien genießen, wenn sie homosexuell sind. Eine diskussionswürdige These, die Schwilden mit aller Schülerzeitungssachlichkeit zu widerlegen versucht, indem er homophobe Verbrechen aufzählt und bei jedem mühsam gesuchten Gewährsmann Homosexualität ausweist, nur bei dem Mann nicht, der @zugezogenovic prominent unterstützt.

Auch gelingt es Schwilden wie zuvor Pofalla nicht, Relevanz für die Berichterstattung zu finden. Dass dieser Tweet das Gleiche sein soll wie die Beleidigungen, die Renate Künast laut eines anderen Urteils über sich ergehen lassen muss, bleibt unbegründet. Aber selbst wenn es so wäre, kann das Ziel eines solchen Vergleichs nur sein: Ihr Zugezogenen seid genauso schlimm wie unsere Nazis!

Und hier liegt die tatsächliche Relevanz dieses Artikels: »Welt«-Journalisten, deren Chef Döpfner gerade eindrucksvoll gezeigt hat, dass selbst antisemitisch motivierte Morde, bei denen der Täter als Ersatzziel einen Dönerladen aufsucht, als Vorlage für »Kritik« an »Flüchtlingspolitik« dienen, liefern nicht nur rassistische Rhetorik, sie lassen ihren Worten auch Taten folgen: Sie wollen unliebsame Nicht-Deutsche aus dem Land schaffen. Nervige Ausländer, aufsässige Frauen zumal, sollen die Klappe halten. Wenn ein Böhmermann den »Ziegenficker« auspackt, eilt ihm dieser Döpfner per Leitartikel zur Seite, um die Freiheit der Satire zu verteidigen - Ausländerinnen werden von seinen Fußsoldaten mit Anzeigen und geleakten Identitäten gemobbt. Es geht ums Ziel, nicht um die Methode. Es ist ihr kleines geiles Machtgefühl, mit der Angst einer Frau zu spielen. Dafür braucht man kein Nazi zu sein, aber man erledigt funktional deren Job.

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