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Auf den Spuren der Unsichtbaren

Ein Stadtrundgang beleuchtet die Lebensrealitäten und Anpassungsstrategien von Menschen ohne Papieren

  • Von Anna Schulze
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Anonymität der Stadt schluckt Identitäten und Geschichten. Gleichzeitig räumt sie Platz für neue Existenzen ein. Für rund 50 000 Menschen ist diese Dynamik substanziell, denn sie leben ohne Aufenthaltstitel in Berlin. Schätzungsweise leben weltweit Millionen von Menschen ohne Papiere. Aber nicht überall ist der Zugang zu öffentlichen Gütern derart strikt an einen rechtlichen Status gebunden wie hier, wo es ohne Papiere nicht möglich ist, legal eine Wohnung zu mieten, eine Krankenversicherung abzuschließen oder ein Bankkonto zu eröffnen. De facto sind in Deutschland Menschenrechte an einen Aufenthaltstitel gebunden. Dennoch sind Menschen ohne Papiere ein Teil der Berliner Gesellschaft. Wie sieht ihre Lebensrealität aus?

Der Stadtrundgang »Menschen ohne Papiere« vom Verein Grenzgänger nimmt sich dieser Frage an und beleuchtet den alltäglichen Spagat zwischen gesellschaftlicher Teilhabe und staatlicher Kriminalisierung. Los geht es am S-Bahnhof Beusselstraße in Moabit. Alle paar Minuten fährt hier eine Ringbahn ein. Menschen hasten die Treppen hoch, Rollkoffer poltern über den Asphalt. »Es ist die Achse zwischen dem Hauptbahnhof und dem Flughafen Tegel«, sagt Lisa Elm mit Blick auf das hektische Treiben. Elm ist bei den Grenzgängern Referentin für Menschenrechtsbildung im Stadtraum und begleitet den Rundgang ehrenamtlich. »Man ist schnell in der Stadt, kann aber auch schnell verschwinden.« Moabit sei eine Art »Transitbezirk«, so Elm.

Vom S-Bahnhof geht der Rundgang gen Süden Richtung Beusselkiez. Das zuvor industriell geprägte Stadtbild wandelt sich hier zu einem verdichteten Wohngebiet, das vom Reformwohnungsbau der 1920er Jahre geprägt ist. Allmählich ebbt der Verkehrslärm ab und die Teilnehmer*innen können sich in aller Ruhe über Menschen ohne Papiere austauschen. Bei diesen handele es sich häufig um irreguläre Migrant*innen, erklärt Elm. Etwa ein Drittel von ihnen sei unautorisiert immigriert, die meisten seien jedoch mit einem Visum für Arbeit, Studium oder Urlaub eingereist und einfach geblieben. Unter ihnen befänden sich viele Au-pairs, Familiennachzügler oder Frauen aus Südamerika, die wegen ihrer feministischen Arbeit in ihren Herkunftsländern bedroht werden.

Ohne einen gültigen Aufenthaltsstatus haben diese Menschen so gut wie keine Rechte mehr. »Abgelaufene Visen führen zur Illegalisierung des rechtlichen Status und bedingen eine Kriminalisierung der Migrant*innen«, erklärt Elm. Aus Angst vor Strafverfolgung und Abschiebung würden undokumentierte Menschen in Deckung leben. Das birgt Gefahren wie Ausbeutung und Rechtlosigkeit, soziale Exklusion und medizinische Unterversorgung.

»Moabit ist ein Bezirk, der schon immer aus dem Raster gefallen ist«, sagt Elm. »Man kann hier leicht untergehen.« Der Arbeiterbezirk sei von großer Diversität geprägt. Bei dem Stadtrundgang fällt vor allem die nachbarschaftliche Atmosphäre auf: Kleine Parkanlagen verbinden die Wohnräume, soziale Organisationen wie das SOS-Kinderdorf ergänzen die Umgebung. »Hier gibt es ein relativ enges Netzwerk von Menschen, die einander helfen«, erzählt Elm. Diese würden den Zugang zu Wohnraum und Arbeit unter der Hand ermöglichen. Denn der Konflikt illegalisierter Menschen mit rechtlichen Bestimmungen ist allgegenwärtig. Insbesondere die im Aufenthaltsgesetz vorgeschriebene und europaweit einzigartige gesetzliche Übermittlungspflicht aller öffentlichen Stellen an die Ausländerbehörde erschwert das alltägliche Leben sehr.

Das Land Berlin hat hier nur wenig Handlungsspielraum. Immerhin die Übermittlungspflicht für Schulen ist in Berlin seit 2011 ausgesetzt. »Ein Meilenstein«, so Elm, der Kindern das Recht auf Bildung ermögliche. Auch der anonymisierte Krankenschein ist in der medizinischen Versorgung wegweisend - ein großer Schritt in Richtung Regelversorgung ohne Identitätsnachweis. Der rot-rot-grüne Senat hat dafür in diesem Jahr erstmalig 750 000 Euro zur Verfügung gestellt. »Das ist enorm wenig. Aber es ist wichtig, dass es schnell umgesetzt wurde«, sagt Elm.

Der Rundgang endet nach knapp zwei Stunden vor dem Rathaus Tiergarten, nahe der U-Bahnstation Turmstraße. »Menschen ohne Papiere sind vorsichtiger im Alltag«, erklärt Elm. Die meisten würden sich beispielsweise stets Fahrkarten kaufen. »Es wäre ärgerlich, wenn sie wegen so einem Quatsch abgeschoben werden.« Beim Verlassen des Bahnhofs verschwindet das nachbarschaftliche Ambiente dann wieder hinter der anonymen Fassade der Großstadt.

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