Werbung

Sonntags shoppen, brunchen, Klima killen

Roberto J. De Lapuente findet, dass Amazon Ladenschlusszeiten braucht

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Regelmäßig wird darüber gestritten, ob Ladenöffnungszeiten noch weiter ausgedehnt werden. Für das Klima wäre es besser, den Konsum zu begrenzen.
Regelmäßig wird darüber gestritten, ob Ladenöffnungszeiten noch weiter ausgedehnt werden. Für das Klima wäre es besser, den Konsum zu begrenzen.

Irgendwie scheint es einen festen Turnus für die Forcierung verkaufsoffener Sonntage zu geben. Regelmäßig kommt das verstärkt aufs Tapet. Vor zwei Jahren habe ich an dieser Stelle darüber berichtet, wie die hessischen Liberalen Nachbesserungen beim Ladenöffnungsgesetz forderten. Und das, obgleich das schon ziemlich liberal – viel zu liberal! – ausgestaltet wurde. Wenn man noch zwei weitere Jahre zurückblickt, berichtete ich vom Tag der Deutschen Einheit 2015, wie man ihn in Frankfurt, beim damals dort stattfindenden Deutschlandfest, zelebrierte. Mit Verkaufsoffenheit natürlich, damit auch zusammenkauft, was zusammenkonsumiert – oder so ähnlich.

Nun wird es also dringend Zeit, dass das Thema wieder stärkere Konturen annimmt. Und siehe da, hessische Bürgermeister sind stets zuverlässig: Sie haben sich just beschwert, weil sie es viel zu kompliziert finden, wie Kommunen verkaufsoffene Sonntage verwirklichen können. Die Hemmnisse seien zu hoch. Wohlgemerkt erlaubt das hessische Ladenöffnungsgesetz aber unbeschränkte Öffnungszeiten werktags – das reicht noch nicht, auch sonntags sollte der mündige Bürgerkonsument was zum Konsumieren zu finden.

Eigentlich ist das ja bizarr, denn wenn wir von mehr Verkaufszeit sprechen, dann tangiert das ja auch das Thema der Stunde: Das Klima. Noch ein Tag mehr, an dem alle in die Innenstädte karren, um erst einen Parkplatz, dann neuen Schnickschnack zu suchen. Als ob die Innenstädte nicht genug mit dem Straßenverkehr zu tun hätten, der sie werktags schon im Griff hat.

Der Konsum ist ja ohnehin der Faktor schlechthin, der unser Klima aus dem Ruder laufen lässt. Im Regelfall versteift man sich in der Debatte auf Flugreisen, Autofahren und Heizungen. Aber der vielleicht wichtigste Faktor ist das Shoppen, insbesondere die Wegwerfmentalität, die geplante Obsoleszenz also - und der Umstand, dass im Grunde nie mit dem Konsum Schluss ist.

Kein Heiliger Sonntag

Klar macht ein weiterer offener Einkaufstag den Kohl auch nicht mehr fett. Im Grunde ist das wahrscheinlich Erbsenzählerei. Aber was für ein fatales Zeichen ist das eigentlich, wenn kommunale Verantwortungsträger sonst so tun, als lägen ihnen Umwelt, Natur und Klima am Herzen, aber wenn es dann um den Absatz geht, ist ihnen nicht mal der Sonntag heilig. Ja, noch nicht mal dann, wenn sie aus dem christlichen Parteienlager kommen.

Uns fehlt sicher nicht die Möglichkeit, dann auch noch den letzten halbwegs geschützten Wochentag in einer Shoppingmall, bei Rewe oder im Baumarkt zu verbringen. Was uns dringend abgeht, das ist eine notwendige Entschleunigung, ein neuer Grundgedanke des Zurücksteckens. Weniger wäre mehr. Statt über weitere Lockerungen bei den Öffnungszeiten zu sprechen, sollten wir über Einschränkungen reden. Wir müssen Speed rausnehmen, sonst kommen wir nicht mehr mit. Es gibt zudem kein Grundrecht darauf, sich um 22:30 Uhr noch frische Tomaten aus dem Supermarkt holen zu können.

Online shoppen ist netter

Begründet wird die Alloffenheit immer wieder gerne mit den Online-Shops, die ja immer geöffnet hätten. Das Internet habe dem traditionellen Handel die Kundschaft weggeschnappt, weil es keinen Ladenschluss kenne. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit, andere Argumente wären: Mehr Auswahl, günstigerer Preis und keine unfreundlichen Verkäufer – alleine mit mehr Öffnungszeit kriegt man das allerdings nicht in den Griff.

Grundsätzlich spräche aber auch wirklich nichts dagegen, wieder mehr auf Ladenschlusszeiten zu setzen. Und zwar auch für Onlinehändler. Am Sonntag bleibt Amazon einfach zu. Und ab spätestens 22:00 Uhr stellen wir es wochentags ab. Dann wird auch weniger bestellt, weniger klimafeindlich durchs Land geschickt. Es spräche nichts dagegen.

Außer vielleicht der größte Klimakiller von allen: Der Wirtschaftsliberalismus. Diese zähe Ideologie, die sich offenbar nicht so leicht abschütteln lässt. Selbst Kommunalpolitiker gehen ihm auf dem Leim. Und das nicht nur immer sonntags. Die Parolen der Wirtschaftsliberalen greifen an allen Tagen – ja, sie wollen aus allen Tagen nach und nach ganz normale Geschäftstage machen. Und das schadet jedem Klima. Dem atmosphärischen ebenso wie dem gesellschaftlichen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!