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Farbenfroh für das Recht auf Abtreibung

Argentiniens feministische Bewegung fordert bei ihrem Treffen Selbstbestimmung und ein Ende der Gewalt

  • Von Jürgen Vogt
  • Lesedauer: 3 Min.

Es war eine neue Rekordmarke: 200.000 Frauen demonstrierten am Sonntag in der argentinischen Stadt La Plata. Der Protestmarsch bildete den Höhepunkt des 34. Nationalen Frauentreffens, das vom 12. bis 14. Oktober in Argentinien stattfand. Lila, Grün und Orange waren die vorherrschenden Farben, die zugleich die drei zentralen Forderungen markierten: Stopp der Gewalt gegen Frauen und LGBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender), ein Abtreibungsgesetz für einen legalen und sicheren Schwangerschaftsabbruch und die strikte Trennung von Staat und Kirche. Auf 150 Meter Länge wurde ein Häkelteppich ausgebreitet, in dem die Namen von 1400 in den vergangenen Jahren in Argentinien ermordeten Frauen eingearbeitet waren.

Zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl zogen die Frauen zugleich eine Bilanz der konservativen Regierung von Präsident Mauricio Macri. »Die Konsequenzen dieser Politik für unser Leben äußern sich in der Feminisierung der Armut, der steigenden Zahl der Mädchen, die bereits Mutter werden, in der täglich wachsenden machistischen Gewalt, in den zunehmenden Todesfällen aufgrund von illegalen Abtreibungen, Femiziden, Transvestiziden und Transfemizide sowie dem Fehlen von Antworten eines abwesenden Staates, der keine Verantwortung dafür übernimmt und stattdessen mit Repression, Kriminalisierung, Prügel und Bestrafung reagiert«, heißt es im Eröffnungstext, der zugleich dem zukünftigen Präsidenten die dramatische Situation verdeutlichen soll. Alle 30 Stunden fällt in Argentinien eine Frau einem Femizid zum Opfer.

Argentiniens Encuentro Nacional de Mujeres hat sich zu einem der bedeutendsten Frauen- und LGBT-Treffen in ganz Lateinamerika entwickelt. Im Mai 1986 gab es die erste Zusammenkunft. Damals trafen sich rund 1000 Frauen im Kulturzentrum San Martín im Zentrum der Hauptstadt Buenos Aires. Drei Jahre nach dem Ende der blutigen Militärdiktatur in Argentinien (1976-83) kreisten die Debatten um die Forderung nach einem Scheidungsgesetz und um die Neuregelung des Sorgerechts von Eltern für ihre Kinder. Doch rasch erweiterte sich die Agenda. Es ging bald auch um Diktatur und Feminismus. In den vergangenen Jahren standen vor allem die Gewalt gegen Frauen und LGBT sowie das Recht auf Abtreibung im Vordergrund. Denn Schwangerschaftsabbrüche sind nach wie vor verboten.

Als ein Erfolgsrezept erweist sich aus heutiger Sicht, dass die jährlichen Treffen stets an einem anderen Ort und in einer anderen Provinz stattfanden. Mit dem Treffen in La Plata sind es bereits 17 Städte in 15 Provinzen. Und stets wuchs die Zahl der Teilnehmenden. 1996 waren es bereits 10 000 und 2015 beim Encuentro in Mar del Plata 65 000. »Jedes Jahr kommen Frauen zum ersten Mal zu den Begegnungen und sagen, dass sie danach nicht mehr dieselben sind«, beschreibt die argentinische Philosophin Diana Maffía die Wirkung der Zusammenkünfte.

An den knapp 90 Workshops nahmen nach Angaben der Veranstalterinnen über 60 000 Personen teil. Die montägliche Abschlussveranstaltung war jedoch von einem heftigen Streit überschattet. Ein Teil der rund 15 000 Anwesenden forderte die Umbenennung des Treffens. Zukünftig soll zum »Plurinationalen Treffen von Frauen, Lesben, Transen, Bisexuellen und Nicht-Binären« aufgerufen werden. »Feminismus ist keine Angelegenheit weißer Mittelschichtfrauen. Der Feminismus sind auch wir, die 33 Jahre ausgegrenzt und verschwiegen wurden«, so eine Sprecherin. Und während die Neubenennung als beschlossen verkündet wurde, blieben die Organisatorinnen beim alten Namen und luden für das kommende Jahr zum »35. Nationalen Frauentreffen« in der Provinz San Luis ein.

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