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»Herkunft ist Krieg«

Die alten Ehrenworte der Jugos: Mit seinem Roman »Herkunft« hat Saša Stanišic den Deutschen Buchpreis gewonnen

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 6 Min.

Dem Deutschen Buchpreis geht es nicht so gut. Ist er überhaupt seriös? Das wurde kurz vor der Verleihung am Montagabend in Frankfurt am Main noch bezweifelt - und zwar direkt aus der Jury, die ihn vergibt. Ein Jurymitglied, die österreichische Buchhändlerin Petra Hartlieb, klagte öffentlich über die beschwerliche Lektüre: »Ich kann das nicht lesen, ich kann das nicht verstehen, ich kann das nicht verkaufen.« Ein anderes Jurymitglied, die Literaturkritikerin Daniela Strigl, ebenfalls aus Österreich, machte darauf aufmerksam, dass man nicht den »besten Roman des Jahres«, sondern den »Roman des Jahres« prämiere, sozusagen den wichtigsten oder den aktuellsten.

Betrachtet man die Shortlist der sechs Romane, aus denen er gekürt wurde, dann hat auf jeden Fall der am meisten sympathische gewonnen: »Herkunft« von Saša Stanišić. Man kann ihn sehr gut lesen, sehr gut verstehen und vielleicht auch sehr gut verkaufen. Doch als der Autor den Preis am Montagabend entgegennahm, machte er aus ihm kurzerhand einen politischen Preis. In seiner kurzen Dankesrede meinte er, was ihm die Freude, ausgezeichnet worden zu sein, »ein bisschen vermiest« habe, sei eine andere Auszeichnung, die »etwas, eine kleine Spur wichtiger« sei, wie er sich ausdrückte: Die Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises an Peter Handke.

In der medialen Berichterstattung kam das so rüber, dass ein Preis einen anderen Preis korrigiere, auch wenn das eine komische Vorstellung ist. Der wichtigste Literaturpreis der Welt wird durch einen international nicht so prominenten Preis, den der deutsche Buchhandel seit 2005 vergibt, gemaßregelt. Geht das überhaupt? Egal, Deutschland greift ein! Denn abgesehen von einer kleinen Fraktion literarischer Nerds wird Peter Handke in den deutschen Feuilletons nicht mehr gemocht, seitdem er sich in den 90er-Jahren dem hierzulande vor allem von der »FAZ« voran gepeitschten Diktum »Serbien muss sterbien« verweigerte. Er reiste durch das zerfallene Jugoslawien und traf Politiker und Heerführer wie Randovan Karadžić, dem später in Den Haag als Kriegsverbrecher der Prozess gemacht wurde. Dort besuchte Handke auch den ehemaligen Staatschef Slobodan Milošević in der Haft.

Hat er geglaubt, was sie ihm erzählten? Hat er sie verteidigt? Er wollte ihnen in erster Linie als Literat begegnen. Handke will ja immer nur Literat sein, ein feiner empfindsamer Herr mit Bleistift, so sieht er sich wohl selbst am liebsten. Ein Verweigerer und Außenseiter im Geschäft, von dem er aber gut leben kann. Manche meinen, er sei der erste Popstar in der deutschsprachigen Literatur gewesen, vor allem wegen seiner berühmten »Publikumsbeschimpfung« 1966. Später wurden seine Bücher somnambuler und immer dicker. Handke, das ist eine Marke der Merkwürdigkeit, die nun von Stanišić in einer Art Peter-Handke-Beschimpfung öffentlich angegangen wurde.

Er hält Handkes Werk für schlechte Literatur und Handke für einen Lügner. Aus ganz persönlichen Gründen: Stanišić wurde 1978 in Višegrad geboren. Das liegt im serbischen Teil von Bosnien. Das sind die lebensgefährlichen Differenzierungen, die im sozialistischen Jugoslawien Jahrzehnte lang uninteressant waren.

In Višegrad verübten 1992 serbische Milizen ein Massaker an den nichtserbischen Bewohnern. Stanišić konnte mit seiner Mutter gerade so noch entkommen und nach Deutschland flüchten und ein neues Leben beginnen. Er musste eine neue Gesellschaft und eine neue Sprache lernen, in der er heute seine Bücher schreibt. Als er ankam, kannte er nur zwei deutsche Worte: Lothar Matthäus. Davon handelt »Herkunft«. Stanisic wirft Handke vor, in einem Text über Višegrad von Milizen geschrieben zu haben, »die barfuß nicht die Verbrechen begangen haben können, die sie begangen haben« - so Stanisic in seiner Frankfurter Preisrede. Handke erwähne weder die serbischen Milizen, noch ihren Anführer, noch die Opfer: »Er sagt, dass es unmöglich ist, dass diese Verbrechen geschehen konnten. Sie sind aber geschehen.«

In »Herkunft« schreibt Stanišić über seine friedliche Kindheit in Jugoslawien. Tito war schon gestorben, und es ging ökonomisch stark bergab, doch das merkten nur die Erwachsenen. Er dagegen hat sogar die Pionierlieder noch in bester Erinnerung. Die Probleme fasst er so zusammen: »Tito als die wichtigste Erzählstimme des jugoslawischen Einheitsplots war nicht zu ersetzen. Die neuen Stimmen volkstümelten verlogen und verroht. Ihre Manifeste lesen sich wie Anleitungen zum Völkerhass. (…) Die neuen Erzähler hießen Milošević, Izetbegović, Tuđman. Sie gingen auf eine lange Lesereise zu ihrem Volk. Genre: Wutrede mit Appellcharakter. Rahmen: Erratische Politik der Achtziger, Wirtschaftskrise und Inflation. Sujet: Das eigene Volk als Opfer. Ehrverletzung, erlittene Ungerechtigkeiten, verlorene Schlachten. Der Andere als Feind.«

Und damit begann unweigerlich das Gemetzel, angezettelt von mediokren Figuren des Zerfalls, die nur in der Krise stark werden konnten und die Menschen aufeinander hetzten. Eine Psychologie der Katastrophe im Pleitestaat Jugoslawien, der auseinander brach. Stattdessen gab es Milizen, lokale Warlords, auch reguläre Armee-Einheiten, an verschiedenen Fronten. Und es gab Nachbarn, die andere Nachbarn umbringen wollten - oder sie davor warnten, wie im Fall der Familie Stanišić. Sein Vater kommt aus einer serbischen Familie, seine Mutter aus einer bosniakisch-muslimischen, in der sich aber niemand als religiös begriff. Der einzige Glaube, an den er sich in seiner Familie erinnern kann, ist der seines Großvaters: »Er glaubte an den Sieg des Sozialismus«.

In einem anderen Roman, der auf der Shortlist zum Buchpreis stand, »Nicht wie ihr« von Tonio Schachinger, geht es um einen Topfußballer namens Ivo, der ebenfalls aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt, aber reich und gefragt ist. Er verdient in der englischen Liga 100 000 Euro die Woche und spielt in der österreichischen Nationalmannschaft, zusammen mit anderen Spielern, die sich nur noch »Jugos« nennen, denn das geht am besten, wenn man woanders ist, zum Beispiel in Wien. »Nicht wie ihr« ist ein cooler Fußballroman, der Rough Cut von »Herkunft«. Die politisch prägnanteste Stelle ist lässig hingeworfen: »Dass Ivo und seine Freunde endlich den Traum einer großen Einheit aller Jugos leben, den sein Großvater geträumt hatte, und den Männer der Generation seines Vaters zerschossen haben.«

Saša Stanišić schreibt, dass er Višegrad nie wieder so betreten kann wie früher: »Was ich einmal empfunden habe, ist vermengt mit dem, was ich über den Ort weiß.« An anderer Stelle heißt es: »Herkunft ist Krieg.« Sie sollte völlig egal sein. Man darf nur nicht daran denken. Die Mutter von Peter Handke ist übrigens Slowenin, aber aus Kärnten, Österreich.

Stanišić kann noch immer sein altes »Pionierehrenwort« auswendig: »Dass ich für die Idee der Brüderlichkeit und Einheit einstehen werde und für die Ideen, für die Tito kämpfte. Dass ich alle Menschen der Welt wertschätzen werde, die Freiheit und Frieden anstreben.« Da muss er sich im Roman selbst wundern: »Wie schön ist das denn? Alle Menschen der Welt wertschätzen. Wie einfach es klingt.«

Saša Stanišic: Herkunft. Luchterhand Verlag, 368 S., geb., 22 €.

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr. Kremayr & Scheriau, 304 S., geb., 22,90 €.

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