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Frostiger Empfang für Bernd Lucke

Der frühere Kopf der AfD kehrt an die Universität Hamburg zurück - seine Antrittsvorlesung endete im Chaos

  • Von Volker Stahl
  • Lesedauer: 4 Min.

High Noon an der Hamburger Uni. Pünktlich für 12 Uhr hatte AfD-Mitgründer und Professor für Volkswirtschaftslehre am Mittwoch seine Wiederantrittsvorlesung im altehrwürdigen Hauptgebäude angesetzt. Thema: Makroökonomie II. Doch schon ab 10 Uhr füllte sich der Vorplatz an der Edmund-Siemers-Allee mit Studierenden, die gegen die Rückkehr des 57-jährigen Wissenschaftlers protestierten. Zu der Kundgebung hatte der Allgemeine Studenten-Ausschuss (AStA) aufgerufen, der Lucke vorwirft, er trage »Mitverantwortung für die heutigen gesellschaftlichen Verwerfungen in Deutschland«.

Zunächst steigen einige Studenten auf Leitern und befestigen ein Transparent am Kalksandstein des Gebäudekomplexes. Den Soundtrack dazu liefern Hip Hop und Rockmusik, die aus einem Lautsprecher wummern. Auf dem weißen Banner prangt die Aufschrift »KEINE PLATTFORM FÜR WEGBEREITER*INNEN DER AFD«. Auf einem anderen Transparent wird Lucke als »geistiger Brandstifter« bezeichnet. Mehrere Hundert Menschen sind zur Demonstration zusammen gekommen. »Wir sind geschockt darüber, dass Lucke wieder Vorlesungen hält. Auch wenn er sich vom Rechtsradikalen distanziert hat - ich nehme ihm das nicht ab«, gibt die Lehramtsstudentin Merle Lütje (29) zu Protokoll. Und Lina Mulder (27), die ihr Psychologie-Studium gerade beendet hat, meint: »Er ist zwar kein Rassist, war aber der Ursprung der AfD, von deren Gedankengut er sich nicht ausreichend distanziert hat.« Das findet auch Malte Schöning (24): »Wir brauchen an der Uni Professoren, die für Freiheit und Gleichheit stehen und keinen Lucke, der auf dem rechten Auge mehr als blind ist.«

Zur Erinnerung: Bernd Lucke lehrt seit 1998 an der Uni Hamburg. Als Euro-Kritiker war er 2013 maßgeblich an der Gründung der AfD beteiligt und deren Bundessprecher. 2014 ließ er sich von der Uni Hamburg beurlauben, um für die AfD ins Europaparlament zu wechseln. Lucke verließ die Partei 2015 nach einem Streit mit Frauke Petry um eine stärker nationalkonservative Ausrichtung und prangerte anschließend fremdenfeindliche, islamophobe und rechtsextreme Tendenzen in der AfD an.

Zum Beweis seiner lauteren Gesinnung verschickte Lucke kürzlich eine 27-seitige Dokumentation mitsamt verlinkter Belege an Medien. Darin listet er mit wissenschaftlicher Akribie seine Aktivitäten als AfD-Sprecher in den Jahren 2013 bis 2015 gegen rechte Umtriebe in seiner damaligen Partei auf und prangert an, dass sich der »nationalkonservative Flügel« durchgesetzt habe. Daraufhin gründete Lucke die Partei »Allianz für Fortschritt und Aufbruch«, die heute »Liberal-Konservative Reformer« heißt.

Auch diese politische Richtung passt dem Hamburger AStA nicht, der sich aus linken undogmatischen Gruppen unter dem Vorsitz des Jungsozialisten Karim Kuropka (32) zusammensetzt. In einem Flugblatt wird die von Lucke propagierte »marktradikale neoliberale Lehre« angeprangert: »Bernd Lucke vertritt als Wirtschaftswissenschaftler ein Modell, welches einen schlanken Staat, den weiteren Abbau der Sozialsysteme und noch freiere Märkte fördert.« In seiner Rede wirft Kuropka Lucke vor, in dessen AfD-Zeit auch um Verbündete am rechten Rand geworben zu haben, um Wählerstimmen zu bekommen: »Er hat seinen Anteil an der Verrohung der AfD. Und nun wundert er sich über die Proteste und will in seinen Elfenbeinturm an der Uni zurückkehren.«

In einer Mail an diese Zeitung bezeichnet Lucke die Vorwürfe des AStA als »eindeutig falsch. Sie basieren auf offenkundig schlechter Informationslage«. Er habe den AStA bereits vor zwei Wochen zu einem Gespräch eingeladen, zu dem es aber nicht gekommen sei. Das Treffen finde, so Lucke, nun am 17. Oktober statt.

Unterstützt werden die Studierenden von der Gruppe »Omas gegen rechts«, die ihren »Quotenopa« Hans Brüning (65) für sich sprechen lässt: »Luckes AfD hat den Extremisten einen parlamentarischen Arm gegeben und ein Klima geschaffen, in dem Menschen wie Walter Lübcke erschossen werden und versucht wird, Synagogen zu stürmen.«

Als Lucke gegen Mittag seine Vorlesung beginnt, ist der für 320 Personen ausgerichtete Hörsaal hoffnungslos überfüllt. Transparente werden ausgerollt, Sprechchöre intonieren ein »Verpiss dich«. Lucke bricht ab, muss sich eines Hagels aus Papierkugeln erwehren und wird schließlich nach einem Gedränge von Polizisten aus dem Hörsaal auf die Straße geführt.

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