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Erdogan vergrault Milliardeninvestor

VW legt wegen der Militäroffensive Pläne für ein Werk in der Türkei vorerst auf Eis - Bau stattdessen in Bulgarien?

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit dem Vorstoß seiner Soldaten ins Nachbarland Syrien hat Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan voraussichtlich einen Investor vergrault, der in der Türkei rund 4000 neue Arbeitsplätze schaffen wollte. Entstehen sollten sie in der westanatolischen Stadt Manisa nahe der Millionenmetropole Izmir, wo Volkswagen bisher ein Werk für die Modelle VW-Passat und Skoda-Superb plante. Der Baubeginn war für Ende 2020 vorgesehen, die Produktion von etwa 300 000 Autos jährlich, vorwiegend für den Export, sollte im Jahr 2022 anlaufen.

Doch nun läuft von Seiten der weltgrößten Autoschmiede angesichts der Militäroffensive Erdogans vorerst nichts in Anatolien. Die Volkswagen AG blicke »mit Sorge« auf die Türkei, sagte ein Sprecher des Unternehmens am Dienstag und teilte mit: Der Vorstand habe »die endgültige Entscheidung für das neue Werk vertagt«.

Der Beschluss über den vorläufigen Stopp des Engagements in der Türkei dürfte auch auf Druck der niedersächsischen Landesregierung zustande gekommen sein. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), qua Amt Aufsichtsratsmitglied bei VW, erklärte, er könne sich nicht vorstellen, dass Volkswagen angesichts der aktuellen Lage eine Investition in Milliardenhöhe vornimmt. »Die Bilder, die wir aus Nordsyrien sehen, sind entsetzlich«, sagte der Regierungschef des flächenmäßig zweitgrößten Bundeslandes, das über 20 Prozent der VW-Anteile hält. Die Absage an einen künftigen VW-Standort bei Izmir ist laut Weil jedoch nicht endgültig; er hoffe, dass sich die Verhältnisse in der Türkei wieder normalisieren, so der Politiker.

Die mögliche Abkehr von den Plänen für Manisa dürfte allerdings nicht allein politisch motiviert, sondern auch wesentlich von wirtschaftlichen Überlegungen getragen sein. Es erscheint naheliegend, dass der Konzern einen Imageschaden und damit verbundene Umsatzeinbußen befürchtet, falls er sich jetzt in einem Land engagiert, dessen Präsident seine Ziele mit Waffengewalt durchzusetzen versucht.

Erst am 26. September hatte VW-Produktionsvorstand Andreas Tostmann bekannt gegeben: Das geplante neue »Osteuropa-Werk« werde in der Türkei gebaut, dort sei das Unternehmen bereits »in finalen Gesprächen« mit den Verantwortlichen. Dieser Phase seien ausführliche Erörterungen vorangegangen. Insider ließen durchblicken, es habe persönliche Gespräche zwischen Vorstandschef Herbert Diess und Präsident Erdogan gegeben; offiziell bestätigt wurde ein solch direkter Kontakt allerdings nicht. Auch dass, was naheliegend ist, das niedrige türkische Lohnniveau ausschlaggebend für die Entscheidung gewesen ist.

Sollte VW Anatolien tatsächlich den Rücken kehren, könnte die Produktionsstätte in Bulgarien entstehen. Das Land war bereits Ende 2018 neben der Türkei und Rumänien als möglicher Standort des »Osteuropa-Werks« im Gespräch gewesen. In Bulgarien müssen die Arbeitskräfte mit ähnlich wenig Geld auskommen wie in der Türkei. Allerdings, so ist zu hören, seien dort nicht die lokalen Fachkräfte zu haben, die VW gern in seinem künftigen Werk sähe. Immerhin stünde ein Areal dafür nahe der Hauptstadt Sofia bereits zur Verfügung.

Auch dort könnte der Passat gefertigt werden, der zurzeit noch im niedersächsischen Emden entsteht. Ab 2022 will VW in seinem ostfriesischen Werk E-Autos vom Band laufen lassen.

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