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Kennen, um zu fordern

Restitution von Raubkunst: Internationale Experten dringen darauf, die Inventarlisten von Museen zu veröffentlichen

  • Von Ulrike Wagener
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine von vier als NS-Raubkunst identifizierte Zeichnungen, die an die Erben der ursprünglichen Eigentümerin zurückgegeben wurden, wird von einer der Erbinnen begutachtet.
Eine von vier als NS-Raubkunst identifizierte Zeichnungen, die an die Erben der ursprünglichen Eigentümerin zurückgegeben wurden, wird von einer der Erbinnen begutachtet.

Gut ein Jahr nach dem wegweisenden Bericht der Wissenschaftler*innen Felwine Sarr und Bénédicte Savoy über den Umgang mit Kulturerbe aus ehemals kolonialisierten Gebieten in europäischen Museen ist man von umfangreichen Rückgaben noch weit entfernt. Zwar will das Ethnologische Museum in Berlin nun 23 ausgewählte Objekte aus seiner Sammlung an das Nationalmuseum in Namibia übergeben, jedoch lediglich als Leihgabe für drei Jahre; ob sie letztendlich dort bleiben, ist noch offen.

Die Kulturminister von Bund und Ländern haben am Mittwoch in Berlin erneut über den Umgang mit Sammlungsobjekten aus kolonialen Kontexten beraten. Die Zahl infrage kommender Stücke ist dabei immens. Allein beim Ethnologischen Museum der von Bund und Ländern getragenen Stiftung Preußischer Kulturbesitz handelt es sich um eine halbe Million Objekte.

Zunächst soll es nun um die Einrichtung einer gemeinsamen Kontaktstelle gehen. Ziel ist es, eine zen-trale Anlaufstelle für Menschen zu schaffen aus Ländern und Gesellschaften, aus denen die in Sammlungen und Museen in Deutschland lagernden Kunstwerke und Objekte geraubt wurden. Während ihrer ersten Sitzung in dieser Runde hatten sich die Kulturminister im März nach zähem Ringen auf erste gemeinsame Positionen im Umgang mit Werken geeinigt, die durch die Kolonialisierung weiterer Kontinente nach Europa gelangten.

Die im vergangenen Jahr gegründete Kulturministerkonferenz will sich unter Vorsitz von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) auch mit der Restitution von Objekten befassen, die durch Verfolgung während der NS-Zeit ihren Eigentümern gestohlen wurden.

Sarr, Savoy und zahlreichen anderen internationalen Expert*innen, darunter der kamerunische Politikwissenschaftler Achille Mbembe, die Vorsitzende der Museums Association Namibia Golda Ha-Eiros und der deutsche Historiker Jürgen Zimmerer, gehen diese Bekenntnisse jedoch nicht weit genug. Sie richten sich am Donnerstag mit einem öffentlichen Appell (der »nd« vorliegt) an die Kulturministerkonferenz, in dem sie einen freien Zugang zu den Museumsinventaren, besonders von afrikanischen Objekten in Deutschland, fordern.

Savoy hat erforscht, woran eine Initiative der FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher scheiterte, die in den 70er Jahren die Restitution von geraubten Objekten aus kolonialen Kontexten einleiten wollte. Ihr Resümee: Am Widerstand der Museen und Institutionen. Die Wissenschaftler*innen sind der Ansicht: »Es ist ein Skandal, dass es trotz dieser nunmehr zwei Jahre anhaltenden Debatte noch immer keinen freien Zugang zu den Bestandslisten der öffentlichen Museen in Deutschland gibt.« Die Kenntnis über die Bestände sei aber notwendig, um sich auch von afrikanischer Seite unabhängig informieren zu können. Denn nur durch das Wissen um die Existenz eines geraubten Objekts in einem bestimmten Museum kann seine Rückgabe eingefordert werden. Dem Verweis auf die dafür notwendige langwierige Datenerfassung kommen die Verfasser*innen des Appells zuvor: Um Transparenz zu schaffen, seien keine abgeschlossenen Digitalisierungsprojekte erforderlich, sondern lediglich einfache Scans und Listen. Mit Agenturen

Der offene Brief findet sich hier: https://oeffnetdieinventare.com

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