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Sollte Lucke lehren?

Wie berechtigt ist der Protest gegen den AfD-Mitbegründer?

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Bernd Lucke wusste, dass seine Rückkehr an die Universität Hamburg nicht ohne Widerspruch bleiben würde. Zahlreiche Studierende und Initiativen hatten Proteste für den Tag seiner Antrittsvorlesung angekündigt. Hunderte kamen, demonstrierten am Mittwoch vor und im Hörsaal gegen die Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit des früheren AfD-Chefs. An eine normale Lehrveranstaltung war nicht zu denken, wenngleich Lucke die komplette Vorlesungszeit im Hörsaal ausharrte.

Juristisch ist gegen seine Rückkehr an den Lehrstuhl für Makroökonomie nichts einzuwenden. Für Luckes Zeit im Europaparlament ruhte seine Professur. Auf moralischer Ebene wird jedoch diskutiert, ob jemand, der am Aufbau einer inzwischen stark rechtsradikal geprägten Partei führend mitwirkte, in eine solch herausgehobene Position zurückkehren sollte. Hunderte Studierende sagen: »Nein«, bezeichneten Lucke als »Nazischwein«.

In den sozialen Netzwerken folgte daraufhin eine Debatte, wie die Rolle des AfD-Mitbegründers bei der Entwicklung der Partei zu bewerten sei. Der Ökonom und Ex-Politiker selbst sieht sich als eine Art Bollwerk gegen die Rechtsentwicklung der AfD, veröffentlichte sogar eine 27-seitige Auflistung mit vermeintlichen Belegen, wie er sich gegen den wachsenden Einfluss des völkischen Flügels um Björn Höcke gewehrt habe.

Was Lucke bei seiner Inszenierung als konservativer Antifaschist unterschlägt, listet der Blog volksverpetzer.de auf. »Quasi seit seinem Austritt aus der AfD versucht Bernd Lucke, seine Rolle beim Aufstieg und auch bei der Faschisierung der AfD herunterzuspielen«, schreibt Thomas Laschyk und zitiert einige Äußerungen des Ex-AfD-Chefs, die an der Harmlosigkeit Luckes zweifeln lassen. 2014 bezeichnete er Sinti und Roma als »Randgruppen«, die »leider in großer Zahl kommen und nicht gut integrationsfähig sind«. Am Abend der Bundestagswahl 2013, als die AfD knapp den Einzug in das Hohe Haus verpasste, polterte er in einer Rede: »Wir haben so viel an Entartung von Demokratie und Parlamentarismus in den letzten vier Jahren erlebt.« Auf derwesten.de schrieb der Journalist Dietmar Seher damals in einem Kommentar treffend: »Entartung? Das ist, in welchem Zusammenhang auch immer, Nazi-Jargon pur.«

In die Nähe von Nazis wurden nach den Protesten nun allerdings ausgerechnet jene Studierenden gerückt, die Lucke nicht an der Uni Hamburg haben wollen. Für Aufregung sorgte auf Twitter der Kommentar von Thomas Ney, einem Kommunalpolitiker der Piratenpartei: »Keinem muss gefallen, was Bernd Lucke zu sagen hat. Aber auf ähnliche Weise haben nationalsozialistische Studenten seinerzeit jüdische Professoren von Universitäten vertrieben. Ich weiß nicht, ob der Antifa diese methodische Ähnlichkeit bewusst ist«, schrieb er. Daraufhin wurde Ney von mehreren Twitternutzern Geschichtsrevisionismus attestiert.

Wie schief solche, in der Vergangenheit auch von AfD-Politikern bemühten, historischen Vergleiche sind, stellte der Journalist Henrik Merker klar: Dies sei eine »widerwärtige Instrumentalisierung der ermordeten Juden«. Und es sei »eine Schande, dass das 2000 Leuten gefällt«.

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