Kirgistan

Ein anderes Leben

Auf den Spuren des Schriftstellers Tschingis Aitmatow durch Kirgistan.

Von Irmtraud Gutschke

Manchmal wird Literatur wahrhaftig: »Kurkurëu, unser Ail, liegt im Vorgebirge auf einem breiten Plateau, auf das aus vielen Schluchten tosende Gießbäche herniederstürzen. Drunten breitet sich das Gelbe Tal aus, eine riesige kasachische Steppe, umrahmt von den Ausläufern der Schwarzen Berge. Wie eine feine Linie zieht sich am Horizont die Eisenbahnstrecke durch die Ebene nach Westen. Oberhalb des Ails stehen auf einem Hügel zwei große Pappeln.« - Nun gehe ich tatsächlich über diesen Hügel und trete in Tschingis Aitmatows Erzählung »Der erste Lehrer« ein. Aus den beiden Pappeln ist ein Wald geworden. Und vom alten Pferdestall der Kolchose, die einst »Düischens Schule« war, ist nichts mehr zu sehen.

Dafür steht, in Sandstein gehauen, jener »Erste Lehrer« da, nach dem im Dorf Scheker heute die Grundschule benannt ist. Ein junger Komsomolze war er, konnte selbst kaum lesen und schreiben und wollte, beseelt von den Idealen der Oktoberrevolution, den armen Dorfkindern eine lichte Zukunft eröffnen. Damals, 1924, wurde er von den Hirten verlacht. Aber eine Schülerin verliebte sich in ihn. Diese Altynai gab es wirklich. Heute, so heißt es, ist sie emeritierte Professorin in Moskau.

Als ich 1977, ganz jung noch, das erste Mal in Aitmatows Geburtsort Scheker gewesen bin, war ich verblüfft von der Entdeckung, dass viele seiner Geschichten autobiographische Hintergründe haben. Nun bin ich mit einer Gruppe von Lesern wieder da, um auf den Spuren des berühmten Schriftstellers Kirgistan zu erkunden. Dazu gehört natürlich unbedingt dieses Dorf, 397 Kilometer von der Hauptstadt Bischkek entfernt. Mit drei kleinen Bussen sind wir über zwei Bergpässe von 3500 Metern gefahren. Oben liegt ewiger Schnee, und es wird nicht mehr lange dauern, bis die Serpentinenstrecke bei einbrechender Kälte gesperrt werden muss wegen Steinschlag und Lawinengefahr. Im Frühsommer, erzählt unser Fahrer, ziehen hier die Herden entlang, Kühe und Schafe versperren einem den Weg. Jetzt ist der Abtrieb von den Gebirgsweiden fast beendet. Plötzlich kann das Wetter umschlagen; da muss man im sicheren Flachland sein.

Uns gingen die Augen über, so viele Herden haben wir in den kirgisischen Weiten gesehen, ruhig grasende Kühe und Schafe, die, gleichsam gut erzogen, in Dreierreihen nach Hause gingen. Der Hirte im Sattel muss sie im Auge behalten, aber Muße zum Nachdenken hat er womöglich auch. Aitmatow hat darüber geschrieben. Wobei Tanabai aus »Abschied von Gülsary« eine viel größere Schafherde zu betreuen hatte.

Inzwischen ist die Kolchose privatisiert. Jeder, der dort arbeitete, bekam sein Stück Land und etwas Vieh. Ist das nicht der Traum von Boston aus dem Roman »Die Richtstatt« gewesen, dass man auf eigenem Boden selbst für alles verantwortlich sei? Aber wie wenig effektiv ist das, wenn jeder mit seiner Herde loszieht? Und die Handtuchfelder! Zurück zur Selbstversorgung?

Andererseits war das der einzige Ausweg, nachdem mit dem Zerfall der Sowjetunion zum großen Teil die Produktion zusammenbrach, sich eine Armut ausbreitete, die heute noch längst nicht überwunden ist. Angestellte in der Stadt verdienen oft so wenig, dass sie sich noch ein Zusatzgeschäft suchen müssen. Die vielen kleinen Läden und Marktstände mögen ein buntes Bild für Touristen sein, charakterisieren aber ein Land, in dem die meisten Mühe haben, zurechtzukommen.

Und einige Wenige werden immer reicher. Ursprüngliche Akkumulation zu Beginn einer kapitalistischen Entwicklung, aus der erst nach und nach, im demokratischen Ringen, ein breiterer Wohlstand wächst. Tschingis Aitmatow hat das in seinem letzten Roman »Der Schneeleopard« eindringlich beschrieben. Diese Großkatze mit extrem langem Schwanz lebt in einer Höhe, die wir nicht hätten erreichen können. Für ein nächstes Mal bleibt vielleicht der Besuch in einer Station des NABU, die es in der Nähe des Sees Issyk-Kul gibt.

Ach, was man noch alles sehen könnte: die Stadt Karakol zum Beispiel, wo Aitmatows Mutter geboren wurde. Ein Bild von ihrer Familie wurde mir im Aitmatow-Museum von Scheker geschenkt. Oder die Bergschlucht, wo der Roman »Der weiße Dampfer« spielt. Einen solchen zu besteigen, wäre nur am Nordufer möglich. Aber wir erlebten am Südufer die Vorführung eines Adlerjägers und ein Reiterspiel. Da setzte sich unsere junge Reiseleiterin selbst aufs Pferd und zeigte uns, wie eine Brautjagd aussieht. Wird die Frau eingeholt, bekommt sie einen Kuss, überholt sie den Mann, kriegt er die Peitsche.

Man staunt, wie lebendig das kulturelle Erbe der Nomaden bis heute ist. Vielleicht hat es im Zuge der nationalen Unabhängigkeit noch mehr Förderung erfahren als zu sowjetischen Zeiten, als die Überwindung von Rückständigkeit proklamiert worden ist. Die Jurten kamen wieder in Mode und werden gern für Touristen genutzt. Überhaupt das Gastgewerbe: Wer kann, lädt gegen Bezahlung in sein Haus oder in seine Jurte ein. Da saßen also auch wir unter dem Tündük, dem Jurtendach, das gelb auf der roten kirgisischen Flagge leuchtet. Salat, Teigfladen, gedämpftes Gemüse mit Fleisch - alles von den Frauen selber zubereitet, und Tee wird immer wieder nachgeschenkt. Nomaden leben von ihren Tieren - Hammeln und Rindern. Und Pferdefleisch gilt als besonders wertvoll.

Diese wunderschönen Pferde! Warum sie so grazil erscheinen, eine Mitreisende mit bäuerlicher Erfahrung hat es mir erklärt. Weil sie sich vornehmlich von Gras, Heu und Wasser ernähren. Kein künstlich aufbereitetes Kraftfutter, keine »Leckerli« - Massentierhaltung gibt es nicht in Kirgistan. Und auch keine industrielle Landwirtschaft mit Dünger und Pestiziden. Man merkt es sogar am Gemüse im Hauptstadthotel. Alles schmeckt besser. Zudem sind viele Leute mit der Zubereitung beschäftigt.

Es ist ein anderes Leben - weit weg von westlichem Wohlstand, viel näher an den natürlichen Gegebenheiten. Von ihnen getragen, in einer Gelassenheit, die unsereinem fehlt. Traditionen geben dem Einzelnen Halt. Natürlich geht der Weg auch hier zur Ich-Gesellschaft, gerade in der Stadt. Aber zur Vereinzelung kommt es nicht, weil hinter jedem Menschen die Verwandtschaft steht, viel zahlreicher, als man sie sich in Deutschland denkt. Dass zu Hochzeiten 300 Gäste eingeladen werden oder mehr, beruht ja auf Gegenseitigkeit. Es ist ein uralter Zusammenhang des Stammes, der Sippe. Man staunt, wie viele Menschen sich untereinander persönlich kennen, wie sich da unsichtbare Fäden spannen von der Stadt zum Heimatdorf und auch ins Ausland, wo viele jüngere Kirgisinnen, Kirgisen versuchen zu studieren.

Bischkek: In Aitmatows Wohnhaus hat die Familie ein privates Museum eingerichtet. Sohn Eldar empfängt uns, seine Frau Saripa kommt hinzu, und dann gesellt sich auch noch Maria Aitmatowa hinzu. Eine lange Tafel ist für uns gedeckt. Erika, das kleine Enkelkind, klettert die Stufen unseres Busses hinauf. Nun aber los, die Familie winkt. Wir wollen zum Mahnmal Ata-Beyit, 30 Kilometer von Bischkek entfernt, wo Aitmatow nach seinem Tod am 10. Juni 2008 beerdigt worden ist. Sozusagen neben seinem Vater, von dessen Ermordung 1938 er erst spät Genaueres erfuhr. Wie dieses Massengrab entdeckt wurde, hört sich wie ein Filmszenario an.

Die Museumsführerin hat viele Fragen zu beantworten - auch zu den Unruhen von 2010, deren Opfer hier bestattet sind, und zur Revolte von 2016, die nicht einfach als nationale Auseinandersetzung zwischen Kirgisen und Russen zu deuten ist. Viele Einzelheiten weiß sie, die einer ideologischen Auslegung von Geschichte entgegenstehen. Gut, dass wir rote Rosen mitgenommen haben. Das Fernsehteam, das in Ata-Beyit auf uns wartet, bekommt gute Bilder für die Abendnachrichten (immerhin über drei Minuten lang wurde unsere Gruppe gezeigt). Interviews über Interviews überhaupt in diesen Tagen - es begann schon bei unserer Ankunft morgens früh um fünf. Große Aufmerksamkeit für die deutschen Gäste.

Auf dem Hügel in Scheker, wo Düischens Schule stand, haben wir sogar ein Filmteam getroffen. Extra unseretwegen sind sie morgens um vier in Bischkek losgefahren. Der bekannte Regisseur Bakyt Karagulow, der schon mehrere Werke Aitmatows verfilmte, arbeitet an einem künstlerischen Dokumentarfilm über die realen Personen, die den Schriftsteller einst inspirierten, und wünscht sich, dass auch deutsche Fernsehzuschauer davon erfahren. Gezeigt wird, wie der schreckliche Krieg das Leben dieser Menschen überschattete. So soll der Film auch Mahnung sein, dass sich solches nie wiederholen möge.

Der Text entstand im Rahmen einer nd-Leserreise nach Kirgistan. Irmtraud Gutschke, Autorin des Buches »Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt«, ist seit fünfzig Jahren mit dem Werk dieses Schriftstellers befasst und hat ihn auch persönlich gekannt.