Medienkritik

Wahrheit oder Maskerade

Jan Mollenhauer über die Gewalt der Bilder

Von Jan Mollenhauer

Nach dem rechten Terroranschlag in Halle geht wieder ein Gespenst um in den medialen Debatten: Videogames. Stephan B. habe den Anschlag inszeniert wie ein Computerspiel, so die Diagnose. Der eigenbrötlerische Gamer habe sich mit einer Mischung aus obskuren Fanforen und gewaltverherrlichenden Medieninhalten digital radikalisiert, bis die psychotischen Trugbilder und mit ihnen B. den Realitätskontakt verloren.

Auch beim völkerrechtswidrigen Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien werden die Kampfhandlungen von medialen Offensiven begleitet: Bekanntermaßen eröffnen Massengesellschaft und ihre Medien eine Heimatfront, die es mit Hilfe von Bildern zu gewinnen gilt.

Diese zwei Ereignisse, die nicht viel miteinander gemeinsam haben, stellen doch beide die immer wiederkehrende Frage nach dem Verhältnis der Bilder zur Gewalt und der Gewalt zu den Bildern.

Vor allem den technischen Bildern wurde gern eine unmittelbarere Beziehung zur Wirklichkeit unterstellt. Sie hatten einen Wahrheitswert. Als die afroamerikanische Journalistin und Aktivistin Ida B. Wells 1893 und 1894 nach Großbritannien fuhr, um dort Vorlesungen gegen Lynchmorde zu halten, hatte sie Fotos dabei. Von professionellen und Amateurfotografen angefertigt, kursierten Lynchfotos als Trophäen und Souvenirs. Für Wells aber waren sie unabweisbares Zeugnis, dass jene Horrorgeschichten, von denen sie ihren britischen Zuhörer*innen berichtete, tatsächlich passiert waren. Ähnlich setzten die Alliierten Foto- und Filmaufnahmen aus NS-Konzentrationslagern ein. Bei den Nürnberger Prozessen sollten sie die Nebelkerzen und die »Wir wussten von nichts«-Märchen der angeklagten Nazis übertrumpfen.

Auch der Vietnamkrieg blieb wegen seiner Bilder im kollektiven Gedächtnis. Unzählige Filme versuchten die dokumentarischen Fotos zu übertreffen, indem sie die Realität mit Fiktion sättigten: »The Deer Hunter« (1978), »Apocalypse Now« (1979), »Rambo« (1982), »Platoon« (1986) oder »Full Metal Jacket« (1987), um nur einige zu nennen. Zu den bekanntesten Werken des Filmemacher Harun Farocki gehört »Nicht löschbares Feuer« (1969). In der Anfangsszene drückt Farocki auf seinem Handrücken eine Zigarette aus und verliest, mit viel Grad Celsius eine Zigarette und wie heiß Napalam verbrennt. Die zentrale Frage seines Films: Wie lässt sich die Gewalt überhaupt darstellen? Sind die Bilder wahrhaftig, oder sind sie umso gefährlicher, weil wir sie als Zeugnisse missverstehen, wenn sie doch eigentlich das, was sie zeigen, unweigerlich bagatellisieren?

1991 führten die USA Krieg gegen Irak. Der französische Soziologe und Philosoph Jean Baudrillard behauptet mit einem Buch: »Der Golfkrieg hat nicht stattgefunden«. Damit meint er, dass die US-Verbände hauptsächlich aus der Luft bombardierten und irakische Tote medial keine Rolle spielten. Die Fernsehbilder, die wir sahen, seien Trugbilder, da sie nur den Eindruck vermittelten, ein Krieg habe stattgefunden, obwohl es ein Massaker gewesen sei. Eine mediale Maskerade.

Auch heute steckt hinter unserem Gebrauch der Bilder nicht selten die Absicht, mit vermeintlich unumstößlichen Wahrheiten zu schockieren. Wir sollen uns unwohl fühlen, vielleicht sogar aktiviert werden durch die emotionale Wucht, die das Foto ins uns auslöst. Oder wir konsumieren die Bilder mit Sensationslust. Beides reduziert.

Wir müssen daher unsere Konsumgewohnheiten ändern. Bilder sind stets mehrdeutig, lassen sich drehen und wenden. Zumal bei Kriegs- und Terrorbildern sollten wir Baudrillards Mahnungen ernst nehmen und uns fragen: Wer benutzt die Bilder und zu welchem Zweck? Das Herzeigen von Gewaltfotos durch eine afroamerikanische Aktivistin, von Überlebenden des Holocaust oder Opfern rechten Terrors ist etwas anderes als die Verwendung ähnlicher Bilder durch Regierungen und Täter. In manchen Fällen mag es ratsam sein, dem Hinschauen zu widerstehen.