Demonstranten versammelten sich am am Freitag in Barcelona zu einem Generalstreik aus Protest gegen die Haftstrafen für neun Separatistenführer in der Stadt.
Unabhängigkeitsbewegung

Katalonien steht still

Generalstreik und Demonstrationen legen die spanische Region lahm.

Von Ralf Streck

Die Luftbilder aus Katalonien von Freitag sind beeindruckend: Sie zeigen fünf Friedensmärsche. Auf den Zufahrtsstraßen und Autobahnen um Barcelona ziehen unzählige Menschen über viele Kilometer in die katalanische Hauptstadt. Es ist die letzte Etappe eines dreitägigen Marsches über 100 Kilometer. Das Ziel: Teilnahme an der Großkundgebung am Freitagnachmittag, auf der die Freiheit der politischen Gefangenen und ein verbindliches Referendum für die Unabhängigkeit gefordert wird.

In Barcelona streikten bereits am frühen Freitag Beschäftigte, Studenten und Schüler. Sie fluteten noch am Nachmittag Straßen, Plätze und Industriegebiete und markierten damit einen neuen Höhepunkt der Proteste. Seit Montag sind in ganz Katalonien Proteste als Reaktion auf die drakonischen Strafen zu beobachten, zu denen neun Anführer der Unabhängigkeitsbewegung verurteilt wurden: Bis zu 13 Jahre Haft gab es wegen angeblichem Aufruhr rund um das Referendum am 1. Oktober 2017. Auch im Rest von Spanien, vor allem im Baskenland, gab es massive Proteste, dazu auch in der spanischen Hauptstadt Madrid und anderen Städten.

Auf dem Weg nach Barcelona schlossen sich den Marschierenden immer neue Menschen an. »Die Solidarität, die wir erlebt haben, war sehr beeindruckend«, erklärt Laura Conejos dem »nd«. Sie ist aus Girona nach Barcelona unterwegs. Sie vergleicht die Märsche mit dem Referendum, das auch mit brutalster Gewalt nicht verhindert werden konnte. »Es ist eine neue neue Dimension. Sie sind nun nicht mehr aufzuhalten.« Die Breite der Teilnehmer sei extrem, sagt Conejos und deutet auf eine spanische Flagge, die zwischen den Demonstrierenden weht. Die Flagge, versehen mit gelber Schleife für die Freiheit der Gefangenen, zeigt, dass die Empörung über die Urteile auch Kreise außerhalb der Unabhängigkeitsbewegung erfasst hat. »Andere Generalstreiks haben nicht dieses Niveau erreicht«, erklärt die Anarchistin Roser Pineda. Auch für sie markieren, wie das Referendum zuvor, die Urteile und die Reaktion einen Kristallisationspunkt, der die Bewegung auf eine neue Stufe hebe. Tausende Menschen umzingelten das Wahrzeichen Barcelonas, die Kathedrale Sagrada Familia. Züge und die Metro fuhren nur noch sehr eingeschränkt. Streikposten und die Komitees zur Verteidigung der Republik (CDR) blockierten zudem mit Barrikaden Straßen und Schienen im ganzen Land. Wegen des Generalstreiks wurden auch etliche Flüge gestrichen. Große Fabriken, wie die Volkswagen-Tochter Seat in Martorell, schlossen die Werkstore, Märkte öffneten gar nicht erst, und auch die große Supermarktkette Bonpreu ließ die Türen geschlosen. Auch der Hafen wurde bestreikt, weil sich die Gewerkschaft der Hafenarbeiter dem Aufruf der kleinen Gewerkschaften angeschlossen hatte, die der Unabhängigkeitsbewegung nahe stehen. Aus dem Hafen zogen die Arbeiter genauso demonstrierend in die Innenstadt wie Arbeiter und Arbeiterinnen aus Industriegebieten. Gewaltbilder, wie man sie die vergangenen Tage aus Barcelona gesehen hatte, gab es zumindest bis zum Nachmittag nicht.

Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska und vor allem der katalanische Innenminister Miquel Buch geraten wegen der Gewalt immer stärker unter Druck. Auch spanische Zeitungen wie »Publico« berichten, dass massiv »infiltrierte Polizisten, die Gewalt gezielt provoziert haben«. Im Internet kursieren Videos. Zum Teil sind darauf auch uniformierte Polizisten beim Barrikadenbau zu sehen. Kommentar Seite 8