Sieben Tage, sieben Nächte

Preissensitiv gegen Armut

Die diesjährigen Nobelpreisträger werden für einen Ansatz ausgezeichnet, der sich offensiv desinteressiert an den Gründen für Armut zeigt

Von Stephan Kaufmann

Von verschiedenen Institutionen werden wir regelmäßig mit Daten zur Entwicklung der Armut versorgt. So auch vom europäischen Statistikamt Eurostat. Zum »Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut« am vergangenen Donnerstag teilte das Amt mit, dass es hier noch viel zu beseitigen gibt: 21,7 Prozent der Bevölkerung der EU seien von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wobei »von Armut bedroht« der amtsdeutsche Terminus für »arm« ist. Laut Eurostat seien damit »immer noch« etwa 109 Millionen Personen betroffen. Mit dem Einschub »immer noch« vermitteln die Statistiker den tröstlichen Eindruck, dass die Abschaffung der Armut nur eine Frage der Zeit ist. Kein Grund zur Aufregung also.

Doch wird die Armut nicht nur berechnet, sie wird auch bekämpft. Zum Beispiel von Ökonomen wie Michael Kremer, Abhijit Banerjee und Esther Duflo, die diese Woche den Wirtschaftsnobelpreis dafür erhalten haben, den Armen auf der Welt zu helfen. In nur zwei Jahrzehnten, so das Nobelpreiskomittee, habe ihr »experimenteller Ansatz« die Entwicklungsökonomie revolutioniert.

Ökonomen und Politiker stehen vor dem Rätsel, warum es weltweit so viel Elend gibt, »obwohl in den vergangenen Jahrzehnten viele Milliarden Dollar an Hilfszahlungen in arme Länder geflossen sind«, so die »Zeit«. Ob das vielleicht an dem herrschenden Wirtschaftssystem liegt, diese Frage lassen die Nobelpreisträger beiseite und verfolgen lieber einen »pragmatischen« Ansatz: Sie untersuchen, wie Armen zu möglichst geringen Kosten geholfen werden kann - wie man also Geldmangel mit möglichst wenig Geld bekämpft.

Also setzen ihre Forschungen am Verhalten der Menschen in armen Ländern an. Dabei haben die prämierten Sozialtechniker herausgefunden, dass das Tragen von Schuluniformen dazu führt, dass mehr Kinder zur Schule anstatt aufs Feld gehen; dass Lehrer mehr arbeiten, wenn man ihnen mit Gehaltskürzungen drohen kann; dass arme Menschen ihre Kinder impfen lassen, wenn man ihnen dafür ein Kilo Linsen schenkt; dass arme Eltern ihren Kindern Entwurmungstabletten eher verabreichen, wenn diese Tabletten gratis ausgegeben werden, und eher nicht, wenn diese Tabletten etwas kosten - Arme sind »preissensitiv«. Um das herauszufinden, braucht es eben Nobelpreisträger.

Belohnt worden sind die Nobelpreisträger also für einen Ansatz, der sich offensiv desinteressiert an den Gründen für Armut zeigt und sich nur darauf konzentriert, wie Menschen in ihrer Armut zurechtkommen. Das Ergebnis sind kostengünstige Wege, das Elend zwar nicht zu beseitigen, aber zumindest ein bisschen zu lindern. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller ist begeistert: »Es geht nicht um Patentrezepte, sondern um die praktische Machbarkeit und Wirksamkeit von Entwicklungsmaßnahmen.«