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Ausnahmezustand in Santiago de Chile: Unruhen gehen weiter

Massive Proteste nach Fahrpreiserhöhung / Ausgangssperre und Militär im Einsatz, drei Menschen sterben

  • Lesedauer: 3 Min.
18.10.2019, Chile, Santiago: Ein Bus brennt während eines Protestes gegen die steigenden Kosten für U-Bahn und Busse.
18.10.2019, Chile, Santiago: Ein Bus brennt während eines Protestes gegen die steigenden Kosten für U-Bahn und Busse.

Santiago de Chile. Auch nach der Verhängung des Ausnahmezustandes und einer Ausgangssperre ist es in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile wieder zu schweren Unruhen gekommen. In der Nacht zum Sonntag kamen drei Menschen ums Leben, als ein Supermarkt im Süden Santiagos geplündert wurde und in Brand geriet. Der konservative Präsident Sebastián Piñera sagte, es gebe »gute Gründe« für die Proteste und nahm eine Fahrpreiserhöhung für die U-Bahn zurück. Die Regierung mobilisierte 9500 Sicherheitskräfte.

Es war das erste Mal seit dem Ende der Diktatur unter General Augusto Pinochet 1990, dass in der chilenischen Hauptstadt das Militär zum Einsatz kam. Die Proteste hatten sich an der Erhöhung der Preise für U-Bahn-Tickets von 800 auf 830 Peso (1,04 Euro) entzündet. Schon im Januar waren die Preise um 20 Peso angehoben worden.

Allerdings geht es bei den Protesten, die unter dem Hashtag #ChileDesperto (»Chile erwacht«) Zulauf fanden, auch um die Kluft zwischen Arm und Reich in dem südamerikanischen Land. Mit einem Wirtschaftswachstum von 4,0 Prozent im vergangenen Jahr gehört Chile zu den ökonomisch stabilsten Ländern der Region. Gleichzeitig stiegen aber die Lebenshaltungskosten unter der Regierung Piñera und die soziale Ungleichheit nahm weiter zu. Zugesagte Reformen vor allem im Bildungswesen und im Gesundheitssektor blieben aus.

Seit der Ankündigung der Fahrpreiserhöhung für die U-Bahn wurden 78 der 164 U-Bahn-Stationen in Santiago verwüstet. Nachdem auch 16 Busse in Brand gesetzt und neben dem U-Bahn- auch der Busverkehr ausgesetzt wurde, lag in der Sieben-Millionen-Metropole am Sonntag der öffentliche Verkehr nahezu vollkommen still.

Tausende Chilenen zogen zunächst am Samstag friedlich durch Santiago und andere Städte, um gegen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten zu demonstrieren. Später kam es zu Zusammenstößen, unter anderem vor dem Präsidentenpalast in Santiago. In verschiedenen Stadtteilen von Santiago errichteten Demonstranten dabei Barrikaden, es gab Zusammenstöße mit der Polizei.

Diese setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. Auf vielen in sozialen Medien verbreiten Videos sind außerdem Polizei- und Militärkräfte zu sehen, die schwere Gewalt gegen Einzelpersonen einsetzen. Zum Teil sind Schüsse zu hören. Eines der Videos zeigt ein Polizeiauto, das auf einen Bürgersteig rast und versucht, Demonstrierende zu überfahren oder auseinanderzujagen.

In der Nacht drangen nach Angaben der Feuerwehr zudem Hunderte Menschen in den Supermarkt Líder im Süden Santiagos ein, der zur US-Kette Walmart gehört. Bei dem Brand in dem Supermarkt kamen drei Menschen ums Leben - zwei Menschen waren sofort tot, ein drittes Opfer erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen, wie Bürgermeisterin Karla Rubilar sagte.

Die Unruhen beschränkten sich aber nicht nur auf die Hauptstadt mit ihren sieben Millionen Einwohnern. In der Hafenstadt Valparaíso steckten Demonstranten den Sitz der Tageszeitung »El Mercurio« in Brand. Der Ausnahmezustand wurde daher auf die Region von Valparaíso und auf die Provinz Concepción im Süden ausgedehnt. Ein auf Twitter verbreitetes Video zeigt Militärs, die Jugendliche schwer bewaffnet in einem Supermarkt festhalten.

Der Militäreinsatz im eigenen Land wird in den nächsten Tagen weitergehen. Präsident Piñera hat dem chilenischen General Javier Iturriaga del Campo den Auftrag erteilt, binnen zwei Wochen wieder für Sicherheit in Santiago zu sorgen. Die nächtliche Ausgangssperre wurde für den Zeitraum von 22.00 bis 07.00 Uhr Ortszeit (03.00 bis 12.00 Uhr MESZ) verhängt. Allerdings war zunächst nicht klar, an wie vielen Tagen sie gelten soll. Piñera will am Sonntag mit einem Krisenkabinett über das weitere Vorgehen beraten. AFP/nd

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