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Wohnen wie im Hostel

Hochpreisige »Co-Living-Spaces« erobern zunehmend die Hauptstadt

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Mikroappartment in Berlin-Mitte
Ein Mikroappartment in Berlin-Mitte

Noch wird hier an einigen Ecken gebaut. Doch der Großteil der rund 1000 Wohnungen im Neubauquartier »mittenmang«, in bester Innenstadtlage unweit des Berliner Hauptbahnhofs, ist fertig und teilweise bereits bezogen. Auch die Außenanlagen nehmen langsam Gestalt an. Der Anteil der geförderten Wohnungen mit Mieten von 6,50 nettokalt pro Quadratmeter beträgt lediglich rund 20 Prozent, der Rest wird hochpreisig vermietet oder als Wohneigentum verkauft.

Doch in zwei Häusern an der Klara-Franke-Straße gibt es ein ganz spezielles Verwertungsmodell: Der Bauherr Groth-Gruppe hat sie an ein anonymes »Family Office« verkauft, anschließend hat es die Medici Living Group als Generalmieter übernommen. Das in Deutschland, Europa und den USA beständig expandierende Unternehmen mit Sitz in Berlin hat dort »Co-Living-Spaces« errichtet, als »innovative Wohnform für junge Berufstätige, hauptsächlich aus der Startup- und Tech-Szene«, wie Unternehmenssprecher Volker Binnenböse am Freitag bei einer Besichtigung des bereits bezogenen Objekts erläuterte.

Die zehn bis 15 Quadratmeter großen, mit Rigipswänden abgeteilten Zimmer werden einzeln vermietet, für 500 bis 720 Euro pro Monat. Eingerichtet sind sie eher spartanisch: Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Wandregal. In den Wohnungen gibt es ein Bad, eine voll ausgestattete offene Küche, aber kein Wohnzimmer. Stattdessen gibt es für alle 90 Bewohner der 30 Wohnungen im siebten Stock einen »Community Space« genannten großen Gemeinschaftsraum mit Flachbildschirm, Sitzecken und einer Art Tresen. Eine Außenterrasse kann ebenfalls genutzt werden.

Im Haus wohnt auch ein »Community Manager«, der neben den klassischen Hausmeisteraufgaben auch für die Bespaßung der Mieter zuständig ist. Regelmäßig gibt es Events, oft in Kooperation mit einem weiteren Medici-Living-Haus in der Stromstraße. Im Oktober stehen ein gemeinsamer Besuch beim Festival of Lights, eine Halloween-Party und eine Cheese-Wine-Party in der Moabiter Markthalle auf dem Programm. Auch das ist in der Miete enthalten, genauso wie die WLAN-Nutzung im ganzen Haus, betont Binnenböse.

Ursprünglich sollten in diesem Haus in Zwei- bis Vier-Zimmerwohnungen Paare und Familien einziehen. Den Vorwurf, dass mit derartigen Projekten dringend benötigter Wohnraum für hochpreisige kommerzielle Projekte missbraucht und die Verdrängung in alten Wohnquartieren gefördert wird, weist der Sprecher zurück. Durch die kleinteilige Vermietung in Wohngemeinschaften sei die Flächennutzung vielmehr »extrem effektiv« und entspreche zudem den Bedürfnissen einer für Berlin wichtigen Gruppe. »Die wissen noch nicht, ob Berlin langfristig ihr Ding ist, und gehen vielleicht in ein paar Monaten nach Lissabon oder New York.«

Die Mindestmietdauer beträgt drei Monate, anschließend kann jeweils zum Monatsende gekündigt werden. Das sei »genau die Flexibilität, die diese Menschen aus allen Teilen der Welt brauchen«, glaubt Binnenböse. Und das alles ohne »nervigen Besichtungsmarathon«, Schufa-Auskunft und einen Ordner voller Bescheinigungen aller Art. Die verlangten Mieten findet Binnenböse im Vergleich zu anderen Anbietern »eher moderat«.

Örtliche Initiativen und auch das Bezirksamt Mitte stehen dem Medici-Living-Geschäftsmodell skeptisch bis ablehnend gegenüber. Doch eine rechtliche Handhabe, etwa wegen Zweckentfremdung von Wohnraum, gibt es derzeit laut Bezirksamt nicht, da es sich bei den WG-Zimmern rechtlich um Mietwohnungen handelt. Auch der Mietendeckel wird nicht greifen, da er für nach 2014 errichte Häuser generell nicht gilt.

Gibt es also keine Möglichkeit, solche Hostelähnlichen Geschäftsmodelle auf dem Wohnungsmarkt zu regulieren? Denkbar wäre, derartige Nutzungsformen bei größeren Neubauprojekten im Rahmen der kooperativen Baulandentwicklung und bei den Bebauungsplänen auszuschließen. Entsprechende Überlegungen gibt es, aber bis die umgesetzt werden können, werden wohl noch viele ähnliche »Co-Living-Spaces« entstehen.

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