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Nachtgespenster der Ökonomie

Ab ins Bett: Eine Ausstellung des Württembergischen Kunstvereins in Stuttgart zeigt, wie viel Politik im Schlaf steckt

  • Von Georg Leisten
  • Lesedauer: 4 Min.
Damit man sich nicht hinlegen kann: »You Probably Never Noticed Before« (Du hast es wahrscheinlich zuvor noch nie bemerkt), Sanja Ivekovic © Sanja Ivekovic
Damit man sich nicht hinlegen kann: »You Probably Never Noticed Before« (Du hast es wahrscheinlich zuvor noch nie bemerkt), Sanja Ivekovic © Sanja Ivekovic

Zwischen Nähmaschinen und Kleiderhaufen hält die Angestellte der chinesischen Textilfabrik ein Nickerchen. Das sieht nach Kündigungsgrund aus. Doch ihr Schlaf ist ein Akt des passiven Widerstands gegen die schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen der Branche. Wenn der Künstler Jürgen Stollhans die im Internet gefundene Fotografie als Vorlage für eine Pastellzeichnung nutzt, dann wahrscheinlich, weil er weiß, dass die schlummernd streikende Chinesin eine berühmte Verwandte besitzt. 1882 schuf der französische Impressionist Camille Pissarro das Gemälde einer im Gras dösenden Bäuerin. Den Rechen hat sie zum Zeichen der niedergelegten Arbeit weggeworfen. Oberflächlich mag die Szenerie bukolisch anmuten, doch auch sie wurzelt tief und hart in der sozialen Wirklichkeit: einem Streik von Landarbeitern, denen der bekennende Anarchist Pissarro seine Solidarität bekunden wollte.

Im Württembergischen Kunstverein (WKV) treffen die beiden Protestschläferinnen nun zusammen, wobei es Pissarros Frau im Grünen nur in der bescheidenen Gestalt einer Kunstpostkarte an den Stuttgarter Schlossplatz geschafft hat. Aber Malerei ist ohnehin keine kreative Leitgattung für Ruth Noack. Es sind vor allem Videofilme, Texte und Skizzen, mit denen die WKV-Gastkuratorin das politische Potenzial des Schlafens und Träumens untersucht. »Sleeping with a Vengeance, Dreaming of a Life« überschreibt sich die Schau, was übersetzt so viel bedeutet wie »Mit Nachdruck schlafen, von einem Leben träumen«.

Noack, die 2007 an der Seite von Roger M. Buergel als Co-Kuratorin der Documenta bekannt wurde, beschreibt das Ganze »als Ausstellung, die sich entwickelt«. Frühere Fassungen der Schau, vorwiegend auf Zeichnungen gestützt und an bescheidene Raumverhältnisse angepasst, gastierten in China, Tschechien und Griechenland. Im Vierecksaal des WKV findet das Projekt nun seine bislang umfangreichste Gestalt. Arbeiten von rund 40 Künstlern nähern sich den »Politiken des Schlafs«, wie es im Theoriejargon heißt, aus unterschiedlichen Perspektiven. Zum Beispiel dem schlechten Ruf, den der Müßiggang als Antipode der Produktivität im Neoliberalismus genießt. In Sanja Ivekovics Video wird schon der unschuldige Schlummer auf der Parkbank von der fleißigen Mehrheitsgesellschaft mit sozialer Verachtung sanktioniert. Weswegen Mobiliar im öffentlichen Raum vieler Kommunen auch immer häufiger so konstruiert wird, dass es kaum noch möglich ist, sich dort bequem hinzulegen. Doch auch sonst sind unsere Schlafgewohnheiten den Erfordernissen der Ökonomie gnadenlos untergeordnet.

Exemplarisch veranschaulicht diese Tatsache der argentinische Lastwagenfahrer, den Florencia Almirón auf seinen übernächtigten Touren begleitet. In tranceartigen Verlangsamungen gibt der Film seinem Protagonisten jene ruhigen Minuten zurück, die ein deregulierter Markt ihm geraubt hat. Denn es stimmt ja: Der Kapitalismus ist ein Körperfresser, der sich längst nicht mehr damit zufriedengibt, dass er tagsüber unsere Arbeitskraft bekommt. Er greift auch nach den intimsten Bereichen unseres biologischen Systems. Schon die klassische Kunst hat illustriert, wie verletzlich und schutzbedürftig Schlaf und Traum sind. Doch wer schützt sie heute noch, die schlafenden Göttinnen, Nymphen und Hermaphroditen? Diese Frage scheint Dominique Hurths Dia-Installation zu stellen.

Den besten Beitrag der Schau liefert indes Hu Wei, indem er die Nachtgespenster beschwört, die ein zur Schlaflosigkeit zwingendes Wirtschaftssystem gebiert. Mit seiner Kamera besuchte der Künstler Chinas sogenannte Geistermärkte: Bei diesen illegalen nächtlichen Flohmärkten versuchen die postkommunistischen Modernisierungsverlierer sich durch den Verkauf von alten Kassettenrekordern, Kochgeschirr und anderem Trödel ein wenig Geld dazuzuverdienen. Flackerndes Taschenlampenlicht und die Tonspur aus bedrohlichem Unterwasserblubbern machen diesen Abstieg ins Totenreich der Ökonomie auch ästhetisch zu einem einprägsamen Erlebnis.

Für die Mehrzahl der gezeigten Arbeiten gilt das leider nicht. Ganz einfach deshalb, weil sie entweder zu assoziativ bleiben oder weil die theoretische Anspielungslatte zu hoch liegt. Was etwa Zbyněk Baladráns Doppelprojektion brennender Bilder mit der Philosophie Denis Diderots zu tun haben soll, vermittelt sich kaum. Einmal mehr ärgert sich der WKV-Besucher, dass ein spannendes Thema, das jeden betrifft, derartig verkopft umgesetzt wird, dass keiner mehr mitkommt. Auch die Verbindungen von der Tiefenpsychologie des Traums zur politischen Utopie, auf die Noack abzielt, scheinen recht unpräzise konstruiert. Oder sind vielleicht Denisa Lehockás neodadaistische Hängeknubbel aus Gips und Bettwäsche als Manifeste einer ideologisch befreiten Nachtruhe zu verstehen? Bevor der Kopf von der Denkarbeit zu sehr schmerzt, nimmt man die Ausstellung am besten beim Wort und gönnt sich eine Mütze voll Schlaf. Decken und Liegen stehen jedenfalls bereit.

»Sleeping with a Vengeance, Dreaming of a Life« , bis 12. Januar 2020, Schlossplatz 2, Stuttgart.

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