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»Räumt die Spießer!«

Historiker Jakob Warnecke erforschte die Geschichte der Hausbesetzungen in Potsdam

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Szene einer nur zwei Tage währenden Hausbesetzung im Dezember 2011 in Potsdam.
Szene einer nur zwei Tage währenden Hausbesetzung im Dezember 2011 in Potsdam.

Ende 1989 wurden in Potsdam mehrere Häuser besetzt. Insgesamt 70 Besetzungen gab es dann in den 1990er Jahren. Auf dem Höhepunkt – 1993 und 1994 – waren zeitweise etwa 30 Häuser gleichzeitig besetzt. Dort lebten insgesamt 250 Menschen. Damit galt Potsdam damals, gemessen an der Einwohnerzahl, als die Hauptstadt der Hausbesetzer. Doch dann ging es bis zur Jahrtausende bergab. Das Machtvakuum der Wendezeit war vorüber, die Polizei ging oft rabiat gegen die Szene vor. Nur einige Hausprojekte bekamen Nutzungsverträge oder wenigstens Ausweichquartiere. Die meisten besetzten Häuser wurden geräumt. Seitdem gibt es alle paar Jahre mal wieder einen Versuch, der aber schnell beendet wird.

Der Historiker Jakob Warnecke, Jahrgang 1977, hat 2017 seine Doktorarbeit zu Hausbesetzungen im Potsdam der 1980er und 1990er Jahre abgeschlossen. Im Frühjahr 2019 ist eine erweiterte Version als Buch veröffentlicht worden. An diesem Donnerstag stellt er es um 19 Uhr im Literaturladen »Wist« in der Potsdamer Dortustraße 17 vor. Eingeladen hat ihn die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

In Potsdam hatte die Szene ganz andere Voraussetzungen als in Westdeutschland, wo in die Hausbesetzungen der 1970er Jahre diverse kommunistische Splittergruppen involviert waren. Warnecke beschreibt, wie in Potsdam das Schwarzwohnen zu DDR-Zeiten den Boden für die späteren Hausbesetzungen bereitet hat. Leute drangen in leere Wohnungen ein und versuchten, keine große Aufmerksamkeit zu erregen, um nicht ertappt zu werden.

Die Wohnungen, viele davon im heute piekfeinen, aber seinerzeit maroden Holländischen Viertel, verfügten oft nur über eine Außentoilette. Manchmal gab es keine Heizung und wenn das Licht nicht funktionierte, zündeten die Schwarzwohner Kerzen an. Es blühte eine Alternativszene mit Überschneidungen zu oppositionellen Kreisen. Die Volkspolizei misstraute den Punks in den Szene, drangsalierte sie zuweilen und ging sogar so weit, sie als Neonazis zu diffamieren, berichtet Warnecke.

Ein paar Seiten weiter schreibt er allerdings etwas, das den Verdacht erweckt, bei einzelnen Punks habe die Polizei einen richtigen Riecher gehabt. Denn einige von ihnen wechselten zu den »Faschos«. Noch in der DDR begann die Rekonstruktion des Holländischen Viertels. Es wurden bis zur Wende aber nur wenige Häuser fertig. Noch in den 1990er Jahren gab es dort primitive Quartiere. Ein Potsdamer Hausbesetzer, der aus Niedersachsen stammte, erinnert sich gegenüber »nd«: »Damals ist mir klar geworden, warum sich die Ossis eine Plattenbauwohnung wünschten.«

Nach der von Straßenschlachten begleiteten Räumung der Mainzer Straße Ende 1990 in Ostberlin wichen Hausbesetzer von dort mit ihren Erfahrungen aus dem Westberliner Häuserkampf nach Potsdam aus. Hier kam es zur Kooperation, aber auch zu Reibereien mit den hiesigen Hausbesetzern. Die Potsdamer beklagten sich, dass die Westler Konflikte mit Nachbarn schürten, mit denen man vorher gut ausgekommen sei. Die Westberliner wunderten sich ihrerseits, dass nicht alles haarklein im Plenum ausdiskutiert wurde, dass Aufrufe zu Demonstrationen nicht geschlechtergerecht formuliert waren und es bei den Aufzügen keine extra Frauen/Lesben-Blocks gab und jeder einfach mitlaufen sollte, wie er Lust hatte.

Es ist Ironie der Geschichte, dass SPD-Baustadtrat Detlef Kaminski, der eine Vergangenheit beim oppositionellen Neuen Forum hatte, mit seiner unnachgiebigen Linie zum Hassobjekt der Besetzerszene avancierte, in der sich wiederum auch ehemalige SED-Mitglieder tummelten. Was die Szene ihm schon früher unterstellt hatte, brach ihm zur Jahrtausendwende hin das Genick. Er wurde nach Korruptionsvorwürfen abgewählt und vor Gericht gestellt.

Das war auch ungefähr die Zeit, in der wichtige besetzte Häuser wie das Boumann's und die Villa Bertini geräumt worden sind. Die Szene wehrte sich auch mit Spaßaktionen. Dazu gehörte die ironische Aufforderung auf einem Transparent: »Räumt die Spießer!« Teils reagierten Hausbesetzer mit Gewalt darauf, dass sie immer weiter eingeengt wurden. Fensterfronten von Läden und Banken gingen zu Bruch und am Marmorpalais und im Park Sanssouci wurden heimlich Drohungen angebracht wie die: »Wenn Ihr unsere Kultur zerstört, zerstören wir Eure!«

Die Motive für Besetzungen waren vielfältig. Einige wollten nur umsonst wohnen, andere Freiräume, wieder andere legten es an auf militante Konfrontation mit dem verhassten politischen System. Heute ist die Szene in Potsdam praktisch tot. Ihr kann aber zugute gehalten werden, dass sie mithalf, dass Neonazis in Potsdam anders als anderswo in Brandenburg nie die Oberhand gewannen.

Jakob Warnecke: »Wir können auch anders«. Entstehung, Wandel und Niedergang der Hausbesetzungen in Potsdam in den 1980er und 1990er Jahren, be.bra-Verlag, 286 Seiten, br. 34 Euro

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