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Training für den Stammtisch

Ein Bündnis gegen Rassismus bereitet Menschen gezielt auf die Argumente der AfD vor

  • Von Martin Reischke
  • Lesedauer: 7 Min.
Neonazis: Training für den Stammtisch

Sonntagmittag in einer Kneipe in Berlin-Kreuzberg. In dem dunklen Raum haben die beiden Workshop-Leiter Sabine und Alex einen Stuhlkreis aufgebaut, nun warten die zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer darauf, dass es endlich losgeht. Sie sind zwischen Anfang 20 und Mitte 50 - und haben alle die gleiche Frage: Wie kann ich mit rechten Parolen im Alltag umgehen? Augen zu und durch oder Stellung beziehen? Und wenn ja, wie? Deshalb sind sie heute zum Stammtischkämpfer*innen-Seminar des Bündnisses »Aufstehen gegen Rassismus« gekommen.

Es geht um rechte Stammtisch-Parolen und die Frage, wie man am besten auf sie reagiert. Am Anfang erzählt Sabine, Mitte 50, dazu eine kleine Geschichte. Vor Kurzem stand die Seminarleiterin in der Schlange einer Arztpraxis und plauderte mit ihrem Vordermann darüber, wie sich Berlin verändert hat. »Da sagte eine Frau plötzlich: ›Man fühlt sich in Berlin ja inzwischen wie im Ausland‹«, erinnert sich Sabine. »Früher wäre mir da die Spucke weggeblieben, aber jetzt habe ich spontan gesagt: ›Ist das nicht toll - jetzt müssen wir nicht mal mehr in den Urlaub fahren!‹ Und da habe ich gemerkt, wie sich die ganze Stimmung im Raum geändert hat!«

Die kleine Geschichte ist eine Anekdote, an die die Seminar-Teilnehmer*innen mit ihren eigenen Erfahrungen gut anknüpfen können. Da ist zum Beispiel Dörte, eine Frau aus einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. Sie ist viel gereist in ihrem Leben und arbeitet heute für eine internationale Organisation in Berlin. Ihr Bruder dagegen ist immer in seinem ostdeutschen Heimatdorf geblieben. »Wir wussten immer, dass wir politisch unterschiedliche Meinungen haben«, erzählt Dörte. »Aber seit ein paar Monaten hat er ein neues Selbstbewusstsein und denkt: ›Das kann man doch sagen, andere machen das doch auch!‹ Er fühlt sich bestätigt, weil die Rechten einfach die Klappe aufreißen.«

Regelmäßig fangen sie dann an zu streiten - und das nimmt meist kein gutes Ende. Denn den Glauben an offizielle Statistiken hat ihr Bruder längst verloren. »Er sagt dann, er fühle es anders, also sei es auch so«, erzählt Dörte. »Und da werde ich emotional, und das ärgert mich, weil er sich bestätigt fühlt: Er hat mich auf die Palme gebracht und ich kann nicht argumentieren.«

Für Menschen wie Dörte soll der Workshop Abhilfe schaffen - und ihnen dabei helfen, in solchen Situationen besser zu reagieren. Dafür präsentiert Workshopleiterin Sabine eine Art mentale Checkliste. Wie also geht sie vor, wenn sie mit Stammtischparolen konfrontiert wird? Zuerst schätzt sie die Situation ein. Steht sie vor einer Gruppe Neonazis, lohne es sich nicht zu diskutieren. Wenn sie aber sieht, dass man vielleicht reden kann, fragt sie sich: Wer ist überhaupt mein Gegenüber? »Ist das Onkel Fredi, den ich über alles schätze und der seit Neuestem blöde Sprüche absondert - oder ist das ein AfD-Funktionär, der rhetorisch und inhaltlich sehr gut geschult ist?«, sagt Sabine. »Manchmal geht es mir um das Gegenüber, manchmal auch darum, einer Gruppe von Menschen zu zeigen, dass das hier nicht die Mehrheitsmeinung ist, und manchmal geht es einfach nur darum, dass ich mich selbst besser fühle, weil ich aus der Situation rausgehe und gehandelt habe.«

Helfen bei der Auseinandersetzung mit rechten Parolen kann auch, typische Argumentationsmuster zu kennen - etwa die Verallgemeinerung oder das »Statistik-Pingpong«, also Statistiken ohne klare Quellenangabe. »Ein Beispiel: ›20 Prozent der Geflüchteten waren beim Islamischen Staat‹«, sagt Sabine. »Bei solchen Aussagen geht es immer darum, den Anderen mundtot zu machen - und all die Aussagen zu legitimieren, die danach kommen.« Nun diskutiert die ganze Gruppe darüber, wie man darauf reagieren könnte. Schließlich hat Alex, der zweite Workshopleiter, eine Idee. Er schlägt vor, spontan mit einer eigenen erfundenen Statistik zu antworten. Zwar sollte man damit nicht selbst anfangen, denn natürlich sind Fakten wichtig. Aber in der Situation bliebe man so erst einmal handlungsfähig, anstatt anzufangen, Statistiken zu googeln.

Ausgestattet mit dem theoretischen Rüstzeug, stürzt sich die Gruppe nach der Kaffeepause in die Praxis. Per Rollenspiel soll eine rassistische Pöbelei im Nahverkehr nachgespielt werden. Schnell sind die Rollen verteilt, der Stuhlkreis wird zu einem Bus umgebaut. Von den hinteren Plätzen pöbeln zwei junge Männer gegen zwei Frauen mit Migrationshintergrund, die vor ihnen sitzen: »Keine Ahnung, was die hier wollen, als ob wir nicht schon genug hätten von denen hier. Gerd hat keinen Job, aber für die machen sie alles«, empört sich einer der beiden. »Verhalten sich, als ob’s ihr Bus wäre.« Die Mitfahrer mischen sich ein, können die Aggressoren aber nicht bremsen, bis jemand von den Fahrgästen auf die Idee kommt, die Busfahrerin zu rufen. Die bremst den Bus und bittet die beiden Männer, auszusteigen.

Seminarleiterin Sabine unterbricht die Szene. Von den zwei Frauen im Bus will sie wissen, wie sie sich in der Situation gefühlt haben. »Sehr eklig, man traut sich nicht, sich umzudrehen«, sagt eine der beiden. »Von hinten zugetextet zu werden, ist ganz befremdlich.« Auch die Pöbler selbst sollen von ihren Erlebnissen erzählen. »Am Anfang hatte ich einen kurzen Moment der Scham, aber später habe ich mich dann gefragt: Was hätte uns jetzt noch stoppen können?«, erzählt einer der beiden jungen Männer. »Es wäre sehr schwierig gewesen, uns mundtot zu machen.«

Dann schaltet sich Gabriele ein - eine ältere Frau, die die ganze Szene bisher nur als Zuschauerin verfolgt hat. Sie ist mit dem Rollenspiel unzufrieden. »Das ist doch komplett unrealistisch«, meint Gabriele. »Natürlich sind nicht alle Busfahrer schlecht, aber ich habe es auch schon ganz anders erlebt. Da geht der Busfahrer ans Mikro und sagt ›Hier spricht die BVG; können die beiden Kopftuchdamen mal aussteigen, damit hier wieder Ruhe einkehrt im Bus?‹«

Also spielt die Gruppe die Szene noch einmal - nun mit Gabriele in der Rolle der Heldin mit Zivilcourage, die die Pöbler in die Schranken verweist. »Könnt ihr mal die Klappe halten, ihr Neonazis auf den billigen Plätzen«, ruft sie ihnen zu. Doch die haben wenig Lust darauf, sich zurechtweisen zu lassen: »Ist ein freies Land, du kannst dich ja zu den türkischen Fladenbroten setzen!« Gabriele lässt sich das nicht zweimal sagen: »Jetzt sitze ich zwischen Fladenbrot und Toastbrot«, erwidert sie. Dann wird die Szene wieder unterbrochen. Sogar Gabriele findet sie nicht besonders realistisch.

Also noch ein dritter, letzter Versuch. Nun spielt Workshopleiterin Sabine selbst mit. Sie wendet sich an die zwei Frauen, die angepöbelt werden, und fragt, ob sie gemeinsam aus dem Bus aussteigen sollen. »Ich habe euch angeguckt und angelächelt, wir haben eine Verbindung zueinander aufgebaut«, erklärt Sabine den beiden Frauen, die sich sichtlich entspannen.

Was also ist die richtige Strategie in dieser Situation? Offensiv gegenhalten gegen rechte Pöbler - oder sich per Blickkontakt mit den Opfern solidarisieren und gemeinsam die konfrontative Situation verlassen? Das hängt offenbar ganz von der jeweiligen Person ab. Wichtig ist beim Workshop vor allem, sich in verschiedenen Situationen auszuprobieren, um für den Ernstfall gewappnet zu sein. Dörte jedenfalls, die junge Frau aus Sachsen-Anhalt, ist mit dem Ergebnis des Tages zufrieden. »Ich war ja nicht die einzige Teilnehmerin - das tut schon mal gut, dass man nicht alleine ist«, sagt die 38-jährige. »Außerdem geht es darum, die Schrecksekunde zu überwinden - und ich habe schon das Gefühl, dass ich jetzt ganz gut auf Alltagsrassismus eingehen kann.«

Auch für den Umgang mit rassistischen Sprüchen in ihrer eigenen Familie hat sie ein paar neue Ideen. »Wir sind ja heute auch in die Rolle versetzt worden, diejenigen zu sein, die nur irgendwelche Thesen aufstellen und provozieren - und da habe ich schon gemerkt, dass damit auch ein Machtgefühl verbunden ist«, sagt Dörte. In Zukunft will sie bei politischen Streitigkeiten mit ihrem Bruder anders vorgehen. »Wenn ich merke, dass Diskussionsbereitschaft da ist, bin ich gerne bereit zu diskutieren«, sagt sie. »Wenn mein Gegenüber aber nur darauf aus ist zu provozieren, werde ich mich auf eine Diskussion nicht mehr einlassen.« Stammtischkämpferin zu sein heißt eben auch zu lernen, wichtige von unwichtigen Kämpfen zu unterscheiden und nicht über jedes Stöckchen zu springen.

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