Im Wechselbad der Gefühle

Woher kommt der Frust vieler Menschen - fragen sich die Wahlkämpfer der Thüringer LINKEN

Von Sebastian Haak

Vorbereitet ist Steffen Kachel auf so ziemlich alles. Auch auf die Frau mit dem kurzen weißen Haar in der blasslilafarbenen Herbstjacke, die sich zu ihm über den Tisch des Wahlkampfstandes beugt und ihn fragt, was seine Linkspartei denn eigentlich für die Menschen erreicht habe in den vergangenen fünf Jahren. »Ich kann Ihnen aus dem Stand jetzt 30 Minuten was erzählen«, sagt Kachel. »Haben Sie so viel Zeit?« Ohne lange auf die Antwort zu warten, legt er los. Da seien zum Beispiel zwei für die Eltern beitragsfreie Kindergartenjahre, die Rot-Rot-Grün - nach Kachels Lesart entscheidend forciert durch die LINKE - in der nun zu Ende gehenden Legislaturperiode des Thüringer Landtages eingeführt habe …

Es ist ein Tag, wie ihn sich Wahlkämpfer - gleich welcher Partei - nur wünschen können. Es ist nicht zu kalt, nicht zu heiß, die Sonne strahlt, und Hunderte Menschen strömen über den Anger der thüringischen Landeshauptstadt, wo Kachel gemeinsam mit einem weiteren Wahlkampfhelfer der LINKEN steht. Beide verteilen Flyer, Luftballons und das Wahlprogramm ihrer Partei: je nachdem, wie die Passanten es wünschen, in einer Lang- und einer Kurzversion - wenn die Menschen denn überhaupt ein solches Programm in die Hand nehmen wollen. Denn der Wunsch, ein jeder möge sich über die Forderungen der verschiedenen Parteien informieren, ehe er oder sie wählt, erfüllt sich für die beiden LINKE-Mitglieder ebenso wenig wie für alle anderen, die in den vergangenen Wochen in Thüringen Wahlkampf für ihre jeweilige Partei gemacht haben.

Auch die Frau in der blasslila Jacke nimmt das Wahlprogramm nicht mit, setzt Kachel sogar Widerworte entgegen, als er ihr von den Kita-Jahren erzählt. Ihr Argument: Ihre Kinder seien längst aus dem Kindergarten raus, von so etwas profitiere sie überhaupt nicht. »Aber Sie sind doch bestimmt solidarisch mit den Familien, damit es denen besser geht, wenn wir sie entlasten.« Überzeugt wirkt die Frau nicht. Später wird Kachel sagen: »Ich weiß nicht, ob ich bei ihr durchgedrungen bin.«

Trotzdem wirkt er, der den Stadtverband der Linkspartei in Erfurt führt, nicht unglücklich. Ebenso wenig wie der junge Mann, der sich gerade mit einem Älteren über Bodo Ramelow unterhält. Der Spitzenkandidat der LINKEN in Thüringen ist omnipräsent in diesem Wahlkampf. Selbst hier, wo sein Bild nur auf einer Wahlkampfzeitung der Partei prangt. Das ist nicht immer zum Vorteil der Wahlkämpfer. Denn trotz der hohen Zustimmung, die Ramelow in der Thüringer Bevölkerung ausweislich vieler Umfragen genießt, polarisiert er. Während Kachel einem Mädchen einen Luftballon schenkt und versucht, seiner Mutter ein Wahlprogramm in die Hand zu drücken, kommt ein weiterer Mann an den Stand, sieht Ramelows Bild und giftet: »Der muss raus! Der ist bei den Wessis nichts geworden.«

Dass viele Wahlkämpfer der LINKEN zuletzt einigermaßen zuversichtlich an Infoständen standen, durch Gartenanlagen liefen oder an Haustüren wildfremder Menschen klingelten, um mit ihnen über Politik zu sprechen, liegt freilich auch daran, dass die Zustimmungswerte der Partei in Wahlumfragen seit etwa drei Monaten deutlich gestiegen sind. Inzwischen ist die Hoffnung berechtigt, dass sie bei der Wahl die stärkste politische Kraft im Land wird. Zuletzt lag die LINKE in den Umfragen - je nach Institut - bei 27 bis 29 Prozent der Zweitstimmen. In den vergangenen 30 Jahren der Thüringer Parlamentsgeschichte hatte stets die CDU die stärkste Landtagsfraktion gestellt.

Und doch wäre selbst mit einem so starken Ergebnis der Linkspartei nicht sicher, dass es wieder zu einer Mehrheit für ein rot-rot-grünes Bündnis in Thüringen reichen würde. Was vor allem an der Schwäche der SPD liegt. Kachel weiß das. Er mache sich tatsächlich Sorgen darüber, wie es im Freistaat weitergeht, wenn Rot-Rot-Grün keine neue parlamentarische Mehrheit bekommt. »Wir haben so vieles angeschoben«, sagt er. »Außerdem ist das Klima zwischen den Koalitionspartnern gut. Da ist Substanz für fünf weitere Jahre.«

Viele Wahlkampfhelfer der LINKEN erleben seit Wochen genau ein solches Wechselbad der Gefühle, das die vielen unterschiedlichen Reaktionen, die es an diesem Tag an Kachels Stand gibt, ziemlich präzise spiegeln.

Während ein alter Mann an den Tisch tritt, »Es lebe die DDR!« ruft und dann schnell weitergeht, erzählt Kachel von der einen anderen Sache, die ihn und viele seiner Parteifreunde intensiv beschäftigt: von dem Frust vieler Menschen, den die Wahlkämpfer auch erleben.

Egal, wo sie unterwegs sind. »Selbst in Einfamilienhaussiedlungen«, sagt Kachel. Frust auf »die Politik«, Frust darauf, »wie es ist«. »Da ist so ein diffuses Gefühl von Ungerechtigkeit, das sich gar nicht fassen lässt und gegen das man auch nur schwer ankommt«, sagt er. Darüber »grübele« er viel nach, auch gemeinsam mit Freunden und Bekannten. Denn verstehen könnten sie alle nicht, dass sich so viele Menschen von der Demokratie abwenden.

Doch zum Grübeln ist im Wahlkampf nur bedingt Zeit. Weshalb es vielleicht gut ist, das dieser nun zu Ende geht und die Wahl tatsächlich ansteht.