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Klimaschutz in Zeiten des Krieges

Wie sich junge Libyer trotz widriger Umstände für die Umwelt einsetzen

  • Von Bettina Rühl
  • Lesedauer: 4 Min.

Tripolis. Es ist Krieg, es geht ums Überleben. Auch für die 24-jährige Jusor Benali und ihre Freunde. Doch die junge Libyerin blickt weiter: Selbst in Zeiten des Konfliktes tut sie, was immer möglich ist, um das Klima zu retten und die Umwelt zu schonen. Als Mitglied der »Libyschen Jungendbewegung für das Klima« (LYCM) will sie das Bewusstsein im Land verändern - auch für die Zukunft nach dem Krieg.

Beim Treffen in der Hauptstadt Tripolis hat Benali ihre Mitstreiter Hamed Elhuni und Sadik Nuri mitgebracht. Vor sich auf den Tisch stellt sie ihre Trinkflasche, wiederbefüllbar. In Libyen seien die Veränderungen des Klimas schon deutlich spürbar, berichten die jungen Leute. »Es regnet weniger, und wegen der Verwüstung der Böden ist viel mehr Staub in der Luft«, sagt der 23 Jahre alte Elektroingenieur Nuri.

Gegründet wurde die LYCM im September 2012 als Teil einer Bewegung der arabischen Jugend. Der libysche Ableger hat mittlerweile gut 50 Mitglieder. Der Kern ihrer Arbeit liegt in der Aufklärung über die Gefahren des Klimawandels, über Schritte im Kampf gegen die weitere Erderwärmung und über andere Möglichkeiten, die Umwelt zu schonen.

In Libyen gibt es dazu einiges zu sagen. Das nordafrikanische Land verfügt über die größten Erdölreserven des Kontinents. Das stark subventionierte Benzin ist billiger als Wasser und wird entsprechend gedankenlos verbraucht. Solarenergie ist kein Thema. Wegen der geringen Bevölkerung von nur sechs Millionen und dem geringen Industrialisierungsgrad empfinden sich die wenigen Libyer, die überhaupt über so etwas nachdenken, trotzdem eher als Opfer und nicht als Verursacher des Klimawandels.

Bei der Aufklärung spielen das Internet und soziale Medien eine wichtige Rolle. Außerdem gehen Benali und ihre Freunde in Schulen und Universitäten, veranstalten Seminare und Workshops. Oder sie werden selbst aktiv, sammeln Müll am Strand von Tripolis. Die meisten Passanten fänden das toll, schauten aber trotzdem nur zu, sagt Benali. »Sie halten es für selbstverständlich, dass wir das machen, das hätten wir uns als Aktivisten schließlich ausgesucht.« Die Umweltschützer versuchen dann, »diesen Leuten klarzumachen, dass solche Aufgaben alle angehen.« Ohne solche Auseinandersetzungen und Diskussionen wäre das Müll-Sammeln aus ihrer Sicht nahezu nutzlos.

Darüberhinaus werben die Mitglieder der »Jugendbewegung für Klima« auf politischer Ebene für klimafreundlichere Gesetze. In Libyen ist das keine einfache Aufgabe, schon weil es seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 keinen wirklichen Staat mehr gibt. Die von den Vereinten Nationen anerkannte Regierung unter Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch hat faktisch kaum die Hauptstadt Tripolis im Westen des Landes unter Kontrolle.

Im Osten machen ihr eine Gegenregierung und vor allem General Chalifa Haftar, Befehlshaber der »Libyschen Armee«, die Macht streitig. Im April startete Haftar eine neue Offensive, rückte weiter in den erdölreichen Süden und auf Tripolis vor. Vor allem nachts ist der Gefechtslärm von der Front auch im Stadtzentrum hörbar.

»Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich in diesen Tagen vor allem der Klimawandel beunruhigt«, räumt der 37-jährige Hamed Elhuni ein. »Hier ist Krieg, im Moment interessiert uns das Überleben.« Trotzdem halte er weiter Vorträge über den Klimawandel. Auch wenn sie wegen des Krieges ihren Lebensstil kaum grüner machen könnten, sei es doch immerhin möglich, das Bewusstsein zu verändern, betont er. Für die Zeit danach, für den Frieden. Der Mechatronik-Ingenieur war 2012 Mitgründer der »Libyschen Jugendbewegung für das Klima«. Seit zwei Jahren ist er offiziell nur noch Berater der Gruppe, die Altersgrenze für Mitglieder liegt bei 35 Jahren.

»An das Klima und die Umwelt zu denken, ist mir eine zweite Natur geworden«, erklärt Benali, die in Tripolis für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz arbeitet. Sie mache sich Sorgen, »dass wir wegen des langen Krieges nicht damit weiterkommen, unsere Gesellschaft zu verändern und grundlegende Probleme anzugehen«. Deshalb sei es umso wichtiger, den Gedanken an das Klima und die Umwelt trotz des Krieges wachzuhalten. Damit dann, wenn endlich wieder Frieden herrscht, nicht noch mehr Zeit verloren geht. epd/nd

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