Mehr oder weniger Algorithmus

Ulrike Wagener sorgt sich um den Medienkonsum von Politikern

»Es war früher mehr Party, heute mehr Algorithmus«. Diese Aussage des CSUlers Markus Söder erinnert entfernt an einen bekannten Spruch von Loriot und lässt einen gleich wohlwollender auf den Urheber blicken; unweigerlich stellt man ihn sich vor als Teenager mit fettigen Haaren und Erdnussflips auf einer der weniger angesagten Nürnberger LAN-Partys. Doch lieber ging der heutige CSU-Politiker wohl - so ist es überliefert - in »exzentrischen« Kostümen auf Karnevalspartys. Seine Mutter sorgte sich trotzdem sehr, dass bekannte Söder unlängst auf den Medientagen München, um seinen Fernsehkonsum; ein weiteres Medium seiner Jugendtage.

Weil die Jugend von heute sich mit höherer Wahrscheinlichkeit auf Youtube herumtreibt und der meistabonnierte Kanal in Deutschland dort die Erklärvideos von »kurzgesagt - in a nutshell« sind, muss man sich um deren Medienkonsum wohl weniger Sorgen machen.

Viel bedenklicher bleibt jener von Söder und Konsorten. Zuletzt veröffentlichte die CSU ein Bild auf Twitter, auf dem Studierende der Universität Hamburg abgebildet sind, die gegen die Lehrveranstaltung des Gründungs- und Exmitglieds der AfD Bernd Lucke protestierten, versehen mit den Worten: »Wer Lesungen verhindert würde auch Bücher verbrennen.« Der Generalsekretär der CSU hält diese Studierenden für »die wahren Feinde der offenen Gesellschaft«.

Und auch um die Mediennutzung der FDP muss man sich, wenn man ehrlich ist, große Sorgen machen. Unter dem Motto »Zukunft digital gestalten« geben sie sich als fortschrittliche und hippe Partei. Ihre neueste Kampagne geht aber direkt nach hinten los. Unterlegt mit lustiger Marschmusik, die sicherlich auch die CSU mögen würde, sieht man auf einem Video - Titel: »Orthograffiti für bessere Bildungspolitik« - einen Sprayer, der (zumeist) rechte Parolen auf Häuserwänden orthografisch korrigiert. Bei jedem »Erfolg« ertönt ein Volltrefferton, der aus dem Computerspielklassiker Tetris stammen könnte.

Wo sich die Bildungspolitik der FDP darauf beschränkt, Naziparolen durch ein Rechtschreibprogramm laufen zu lassen und die CSU linke Studierende auf direktem Wege mit Nazis vergleicht, kann man sich eigentlich nur eins wünschen: weniger Algorithmus - dann würde einem das Ganze zumindest nicht angezeigt.

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