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Journalistenschelte

Medienkritik für Besserwisser

Albrecht Müller übernimmt in einer pauschalen Journalistenschelte rechte Argumentationsmuster.

Von Thomas Gesterkamp

Lassen sich die von den Metallarbeitgebern finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und die linke Nichtregierungsorganisation Campact über einen Kamm scheren? Sind beide »ausdrücklich zum Zwecke der Propaganda gegründet« worden, ist ihren Kampagnen unisono als »Instrument einseitiger Interessen« nicht zu trauen? Sind im »Deutschlandfunk« »täglich verschachtelte Abfolgen von Manipulationen zu hören«? Haben »wichtige, ehedem fortschrittliche Medien« ihren politischen Standort nach rechts verschoben?

Albrecht Müller ist davon überzeugt. Sein neues Buch »Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst« strotzt vor derartigen Pauschalurteilen. Der ehemalige SPD-Parlamentarier, in den 1970er Jahren unter sozialdemokratischen Kanzlern Planungschef im Kanzleramt, gründete vor über einem Jahrzehnt die »Nachdenkseiten«. Das linke Onlineportal war eine Reaktion auf die »Reformlüge«, wie Müller sie in einer früheren und durchaus verdienstvollen Publikation genannt hat, auf das einseitige mediale Trommeln für Gerhard Schröders Agenda 2010. Mit ihren gegen den Strich gebürsteten, nicht stromlinienförmigen Beiträgen profilierten sich die Nachdenkseiten in der Folgezeit als eine wichtige Informationsquelle, sie bildeten eine kritische Gegenöffentlichkeit. Selbst der verstorbene frühere »FAZ«-Herausgeber Frank Schirrmacher lobte in seinem bemerkenswerten Essay »Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat« einst den »unverzichtbaren Albrecht Müller«.

Das jüngste Werk des Autors lässt an diesem Kompliment zweifeln. Schon das Vorwort durchziehen Gedankengebäude, die man eher im Umfeld der AfD vermuten würde - auch wenn Begriffe wie »Lügenpresse« nicht explizit auftauchen. Eine Kostprobe: »Man sollte sich die Personen, vor allem in den Medien, merken, von denen wir mit markanten Täuschungen versorgt werden.« An anderer Stelle konstruiert Müller eine direkte Verbindung von der »Diffamierung der Pleite-Griechen« zu den »offenen Armen der deutschen Bundeskanzlerin«. Angela Merkel unterstellt er einen »strategisch ausgedachten PR-Coup«: Sie habe 2015 nur deshalb an offenen Grenzen für Flüchtlinge festgehalten, weil sie eine »gute Gelegenheit zur Imagekorrektur« suchte. Doch »nur wenige« hätten »den Zusammenhang erkannt«.

Albrecht Müller, das wirkt so unangenehm an diesem Buch, weiß einfach alles besser. Er ist stets der Schlauberger, der die »Versuche gezielter Beeinflussung unseres Denkens« durchschaut - während sich fast alle anderen Nutzer von Zeitungen, Radio, Fernsehen oder digitalen Netzwerken manipulieren lassen. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat diese Herangehensweise ironisch, aber treffend beschrieben: Müller kritisiere »nicht das, was ist, sondern das, was sein könnte, wenn man sich nicht die Mühe macht herauszufinden, ob das auch ist«. So haben sich die Nachdenkseiten leider zu einem Beispiel dafür entwickelt, wie Journalistenschelte von links nicht stattfinden sollte. Denn allzu sehr ähneln manche der verwendeten Argumentationsmuster ihren Pendants von rechts: Plumpe Angriffe auf die »Systemmedien« garniert mit verschwörungstheoretischen Konstrukten.

Es gibt sicher zahlreiche Belege für die Beobachtung, dass Magazine wie der »Spiegel« oder Wochenblätter wie die »Zeit« häufiger als früher wirtschaftsfreundlich berichten. Die »taz«, Ende der 1970er Jahre nach dem »Deutschen Herbst« als Medium zur »Verbreitung unterdrückter Nachrichten« gegründet, ist heute eher eine linksliberale Tageszeitung - und ihre dezidiert antirussische Haltung im Ukraine-Konflikt muss man nicht teilen. Berechtigung hat auch Müllers Hinweis darauf, dass wichtige Journalisten von Leitmedien in US-freundlichen Lobbyzirkeln wie Atlantikbrücke oder Bilderberg aktiv sind und dies die Ausrichtung ihrer außenpolitischen Artikel und Kommentare beeinflusst. Doch hinter der in der Tat manchmal gleichförmig wirkenden Berichterstattung steckt bestimmt kein Komplott böser Mächte.

Zweifel an Müllers Standpunkten kommen auch deshalb auf, weil der 1938 geborene Autor penetrant auf Vorgänge Bezug nimmt, die mittlerweile fast ein halbes Jahrhundert zurückliegen. Während der sozialliberalen Koalition, unter Willy Brandt und Helmut Schmidt, war angeblich alles besser. Schließlich war der Verfasser damals persönlich für das öffentliche Auftreten der Regierung mitverantwortlich. Nostalgie und Schönfärberei prägen die aus dieser Zeit erzählten Geschichten; vor allem Müllers zeitweiliger Chef Schmidt kommt dabei viel zu gut weg. Berufsverbote, Ausbau der Atomkraft, Nachrüstung, Ignoranz gegenüber ökologischen Problemen? Die Entfremdung vieler linken Wähler von der Sozialdemokratie hat keineswegs mit Hartz IV begonnen. Die kümmerlichen 13 Prozent, die aktuelle Umfragen der SPD prognostizieren, sind das Ergebnis eines schon Jahrzehnte andauernden schleichenden Niedergangs. Aber schuld daran sind bestimmt nicht »die Medien«.

Albrecht Müller: Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst. Wie man Manipulationen durchschaut. Westend Verlag, 144 S., br., 14 €.