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Falsche Freiheitskämpfer

Für Fabian Goldmann ist der Aufschrei nach dem verhindertem Lucke-Auftritt an der Universität Hamburg nichts als Heuchelei

  • Von Fabian Goldmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Kein Tsunami war über die Donau gefegt, kein Atomkraftwerk in Brunsbüttel explodiert und dennoch stand Deutschland vergangene Woche kurz vor dem Untergang. Vom Angriff auf die Meinungsfreiheit durch linke Faschisten war in Sozialen Medien die Rede. Vom Ende der Debattenkultur mittels NS-Methoden konnte man in Kommentarspalten lesen. Ja, gar die Demokratie sei in Gefahr, hieß es in manchen Zeitungen.

Der Grund für die Untergangprognosen kam dann allerdings doch überraschend unspektakulär daher: An einer Hamburger Uni hatten Studenten die Vorlesung des AfD-Mitgründers Bernd Lucke gestört. Der war eigentlich gekommen, um über Makroökonomie zu referieren, musste dann aber unter Polizeibegleitung den Hörsaal verlassen. Nicht nett. Aber kommen Sprechchören und geworfenen Papierkügelchen linker Störer wirklich der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten gleich, wie es beispielsweise die CSU formulierte?

Das Phänomen hypersensibler Konservativer, die aus eher überschaubaren Anlässen veritable Weltuntergangsszenarien konstruieren, ist allgegenwärtig: Meinungsdiktatur! Kulturbarbarei! Gesinnungsterror! Tod der Debattenkultur! Hexenjagd! Moralische Erpressung! Sprachfaschismus! So hallt es beinahe täglich aus Feuilletons, Facebook-Feeds und Talkshows. Die Anlässe sind so beliebig wie austauschbar: Mal ist es ein außer Kontrolle geratener Polizeieinsatz vor einer Flüchtlingsunterkunft, der das Ende des Rechtsstaats herbeiführt (»FAZ«). Das Übermalen eines Gedichts an einer Berliner Hochschule erinnert schnell an die Terror-Herrschaft der Jakobiner (»Bild«). Und die Hashtag-Kampagne #metoo wird schon mal zum »feministischen Volkssturm«, der alle Männer »ins Lager der moralisch Minderwertigen« einsperren wolle (»Zeit«).

Wovon man hingegen selten etwas liest: Rechte Freiheitskämpfer, die sich für die Verfolgten in anderen politischen Lagern einsetzen. Der Verdacht liegt nahe, dass die Verteidigung dann doch meist den eigenen Gesinnungsgenossen und nicht den allgemeinen demokratischen Werten gilt. Auf Lucke folgten de Maizière und Lindner. Aber erinnern Sie sich an den Aufschrei, als die Freie Universität Berlin einen Gastvortrag der US-Professorin Lila Sharif absagte, nachdem Aktivisten ihr vorgeworfen hatte, zu israelkritisch zu sein? Oder an die Empörung, als an der Uni Paderborn über ein Auftrittsverbot für den Tierrechtler Peter Singer diskutiert wurde? Oder an das Entsetzen, als Studentenvertreter einen Auftritt der Rapper der 187 Straßenbande unterbinden wollten? Oder die Schlagzeilen, als die Uni Gießen einem israelischen Wirtschaftswissenschaftler den Raum entzog, als auch dieser zu den Folgen der israelischen Besatzung referieren wollte? Nein? Können Sie auch nicht. Denn die große Empörung blieb aus. Stattdessen waren es in allen genannten Fällen auch konservative Politiker und Journalisten, die forderten, die Veranstaltungen abzusagen.

Die Wahrheit ist: Auf konservativer Seite gibt es nicht Wenige, die mit »Moralkeulen« und »Sprechverboten« unliebsame Meinungen auf dem öffentlich Diskurs ausschließen wollen. Und in gewisser Weise haben sie sogar recht, wenn sie mal wieder im Hörsaal einen Zivilisationsbruch ausmachen. Denn es bricht derzeit wirklich eine Welt zusammen. Nicht die Welt der Meinungsfreiheit, sondern die Welt der konservativen Diskurshoheit. Nicht unsere Welt droht sich in einen linken Safe Space zu verwandeln. Es ist der erodierende konservative Safe Space, nach dem sich viele zurücksehnen. Zurück in eine Zeit, bevor all die Linken, Muslime, Schwulen und Feminist*innen anfingen, mit eigenen Meinungen und Interessen zu nerven. Wer es nie gewohnt war, Widerspruch zu ertragen, dem müssen Sprechchöre und Transparente wirklich wie ein Zivilisationsbruch erscheinen.

Doch die gute Nachricht an rechte wie linke Hypochonder bleibt: Die Welt wird nicht untergehen. Selbst wenn Lucke nächste Woche wieder seine Antrittsvorlesung nicht halten kann, Demokratie und Meinungsfreiheit werden weiterbestehen. Zwei Dinge werden sich allerdings auch in der besten aller Demokratien wohl leider nicht vermeiden lassen: Dass ab und zu ein paar außer Kontrolle geratene linke Studenten Makroökonomie-Vorlesungen stören. Und dass außer Kontrolle geratene Konservative daraufhin den Weltuntergang herbeischreien.

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