Hertha gegen Union

Fußballträume in der Mauerstadt

Früher feierten die Fans von Union und Hertha gemeinsam kleine Siege gegen die Stasi, heute trennt sie mehr als je zuvor. Beim Berliner Derby geht es um Tore und Identität.

Von Alexander Ludewig

Ihr Völker der Welt … Schaut auf diese Stadt.« Diese Worte des Berliner Bürgermeisters Ernst Reuters sind die berühmtesten seiner Rede, in der er vor 71 Jahren die Freiheit Berlins beschwor. Mit weniger bekannten Parolen wurde später gegen die Teilung der Stadt protestiert. Fast vergessen ist einer davon: »Hertha und Union - eine Nation«, riefen Fußballfans in Ost und West zusammen bei Spielen ihrer Mannschaften, meist im Schutz der Masse. Heute gönnt sich eine neue Fangeneration beider Vereine kaum die Luft zum Atmen in der gemeinsamen Stadt. Die zunehmende sportliche Annäherung hat die gegenseitige Rivalität weiter verschärft. Die Welt aber schaut wieder zu: Das erste Stadtderby in der Bundesliga zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC an diesem Sonnabend in der Alten Försterei wird in 205 Länder übertragen.

Wie besonders solch ein Stadtduell in Deutschlands erster Liga ist, zeigt der Blick nach Hamburg: Dort trafen der HSV und der FC St. Pauli vor fast neun Jahren zum bislang letzten Mal aufeinander. Und in Berlin stand noch die Mauer, als mit Tennis Borussia und Hertha BSC vor 42 Jahren zwei Vereine aus dieser Stadt um Bundesligapunkte spielten. Das war auch die Zeit, als Fußballträume schwer geschützte politische Grenzen überwinden konnten. Ab Mitte der 70er Jahre fuhren vermehrt Westberliner zu den Spielen des 1. FC Union, auch auswärts, trotz eines nur für die Hauptstadt der DDR geltenden Visums. »Ha-Ho-He Hertha BSC« war fortan öfter im Union-Block zu hören. Bis zum Mauerfall. 1988 - beim legendären 3:2-Sieg in Karl-Marx-Stadt, der den Eisernen den Klassenerhalt in der Oberliga sicherte, sollen mehr als hundert Herthaner angereist sein.

Noch etwas früher, direkt nach dem Mauerbau im Jahr 1961, trafen sich die »blinden Fans« an der Norwegerstraße in Prenzlauer Berg, um ihrer Hertha im gegenüberliegenden Wedding beim Spielen zuzuhören. Durch die regelmäßigen Besuche aus dem Westen wurde aus anfänglichem Interesse so etwas wie Freundschaft. Und so fuhren immer mehr Unioner zu internationalen Spielen von Hertha BSC nach Dresden, Prag oder Plovdiv - oft unter abenteuerlichen Bedingungen. Höhepunkt war das Viertelfinale im UEFA-Cup 1979 bei Dukla Prag: Unter den 30 000 Zuschauern bejubelten Tausende Ostberliner den Sieg des Bundesligisten. Eisern-Union-Rufe waren dort so selbstverständlich wie zu dieser Zeit im Olympiastadion.

Auch heute ist der Klub aus Köpenick bei jedem Spiel von Hertha präsent. Als die Mannschaft am Mittwoch nach dem hart erkämpften Pokalsieg gegen Dresden von Fans verabschiedet wurde, schallte es wieder laut: »Scheiß Union, Scheiß Union!« Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Einen Tag vor Hertha hatte Union das Achtelfinale des DFB-Pokals erreicht. Spielführer Christopher Trimmel berichtete danach: »Die Fans haben uns in Freiburg nach dem Pokalspiel am Gästeblock schon heiß auf das Derby gemacht.«

Es gibt genug Gründe, warum von dem großen Traum, eines Tages gemeinsam in einem Land und in einer Liga zu spielen, kaum mehr etwas übrig geblieben ist. Einen wichtigen lieferte jüngst Knut Beyer. Der Westberliner ist Autor des Buches »111 Gründe, Hertha BSC zu lieben« und hat die Zeit der fußballerischen Annäherung im Kalten Krieg miterlebt. Er war damals selbst mehrmals in der Alten Försterei. Rückblickend sagte er: »Wir haben an einem Punkt gleich getickt: Wir haben die Mauer nicht akzeptiert. Bei jedem Treffen hatten wir das Gefühl, dass wir die Stasi ausgetrickst und die Mauer überwunden haben.« Als diese verbindenden Gegner mit der Wende plötzlich weg waren, seien auch die meisten Freundschaften schnell eingeschlafen. Zum Vereinigungsspiel zwischen beiden Klubs im Januar 1990 waren noch mehr als 50 000 Fans ins Olympiastadion gekommen, das Rückspiel im August in der Alten Försterei wollten nicht mal mehr 4000 Zuschauer sehen.

Bemerkenswert war die grenzübergreifende Fanfreundschaft aber allemal. Freilich haben es die zuständigen Sicherheitsorgane der DDR immer wieder mal geschafft, einzelne Fußballdissidenten zu erwischen und auch ihrer Freiheit zu berauben. Nach dem Spiel von Hertha BSC am 26. April 1978 in Dresden, das im Rahmen des deutsch-deutschen Sportkalenders ausgetragen wurde, mussten beispielsweise fast alle mitgereisten Unioner »zur Klärung eines Sachverhaltes« zur Staatssicherheit in die Köpenicker Wendenschloßstraße. Aber gemessen am betriebenen Aufwand der Überwachung waren es viele kleine Siege, die die vorzeitig vereinten Fußballfans errungen haben. Denn trotz einer eigenen Abteilung namens »Rowdyhafter Fußballanhang« in der Berliner MfS-Zentrale hielt die starke Verbindung unter dem Motto »Wir halten zusammen, uns kann nichts trennen, keine Mauer und kein Stacheldraht« bis zuletzt. Dafür sprechen auch etliche konspirative Weihnachtsfeiern in Ostberliner Lokalen und Westpakete für Hertha-Fans hinter der Grenze.

Heute ist das Bild sehr viel eindeutiger. Die »Berliner Morgenpost« hat sich die Mühe gemacht, die Stadt auf einer Karte nach der Anzahl der Vereinsmitglieder zu färben. Das Ergebnis: Der Osten und das angrenzende Umland ist rot und somit fest in eiserner Hand, der Westen ist komplett blau. In Zahlen liegt Hertha BSC mit knapp 37 000 Mitgliedern noch vorn. Sollte die Anziehungskraft des 1. FC Union nur annähernd so stark weiterwirken, könnte es bald zur Wachablösung kommen. Derzeit haben die Köpenicker fast 33 000 Mitglieder - seit dem Aufstieg Ende Mai kamen fast 10 000 hinzu.

Berlin bräuchte das größte Fußballstadion der Welt, um alle Kartenwünsche für das Derby zu erfüllen. Dass große Bauvorhaben in der Hauptstadt etwas mehr Zeit brauchen, erleben auch gerade beide Klubs. Wenn die Partie angepfiffen wird, geht es um Tore. Einen Favoriten gibt es nicht: Aufsteiger Union hat schnell gelernt und ist sehr stabil in seinem Spiel; Herthas Kader hat einen 180 Millionen Euro höheren Marktwert, aber noch sichtbare Probleme unter dem neuen Trainer Ante Covic. In einem Derby geht es aber immer auch um mehr: Identität. Und die bezieht sich nicht nur auf die Herkunft, sondern auch auf das Handeln der Vereine. Die vielen Unstimmigkeiten zwischen Verein und Fans bei Hertha BSC sind da nicht das beste Zeugnis.