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Frauenfußball in Spanien

16.000 Euro, brutto, jährlich

Die Spielerinnen der Primera Division Femenino in Spanien wollen ab Mitte November in einen unbefristeten Streik treten: Sie fordern einen Mindestlohn.

Von Frank Hellmann

Angela Sosa mag die kämpferische Pose. Den Bizeps spannen, die Tätowierung zeigen. »Bis ins Unendliche und darüber hinaus« hat sich die Fußballerin von Atlético Madrid in die Haut stechen lassen. Dazu die Koordinaten des Hauses ihrer Großmutter, weil sie in einem der ärmsten Stadtviertel Sevillas ihre Kindheit verbrachte. Dass die ganze Familie jüngst in eine bessere Gegend der andalusischen Hauptstadt ziehen konnte, war ein hartes Stück Arbeit. Die zweimal zur besten Spielerin der Primera Division Femenino gewählte 26-Jährige hat dazu nicht viel beitragen können, verriet sie kürzlich im Interview mit »El Mundo«, weil sie dafür schlicht zu wenig verdient hat: »In meiner Anfangszeit haben einige Spielerinnen Geld bekommen, andere nicht. Wir haben dann alles in einen Topf geworfen und geteilt. Heraus kamen 75 Euro pro Kopf.«

Früher habe sie darüber gelacht, inzwischen ist es mit der Bezahlung ernst geworden. Im Kampf um ein Mindestgehalt treten die Fußballerinnen der ersten spanischen Frauenliga ab Mitte November in einen unbefristeten Streik. Eine letzte Schlichtungsrunde scheiterte am vergangenen Montag, als sich die Gewerkschaften AFE, UGT und Futbolistas ON mit dem Verband der Frauenfußballvereine AFCC nicht einig wurden. 93 Prozent der 189 organisierten Spielerinnen stimmten für den Streik, der internationale Spiele und Länderspiele ausklammert.

Der Tarifvertrag sollte mindestens 16 000 Euro brutto jährlich vorsehen. Die Gegenseite bot 8000 Euro für Teilzeitverträge und 12 000 Euro für Vollzeit, denn mehr würden die Budgets der kleineren Klubs nicht zulassen. Überdies würden die meisten Spielerinnen nur halbtags gefordert. Maria José López, Präsidentin des Frauenausschusses der AFE, kritisierte: »Wir verhandeln schon seit 13 Monaten und kommen nicht weiter.« Man sei im 21. Jahrhundert und verlange nur das Mindeste, was auch die internationale Fußballergewerkschaft FIFpro findet: »Ihr Kampf ist ein gutes Beispiel, den Frauenfußball als berufliche Tätigkeit anzuerkennen.«

Weltweit gibt es die verschiedensten Modelle bei der Bezahlung: Die Stars in den USA um die kampfeslustige Weltfußballerin Megan Rapinoe klagten zuletzt sogar gegen den eigenen Verband, weil die Nationalspielerinnen ihr Haupteinkommen von dort beziehen und sogar an den Zuschauereinnahmen der Länderspiele beteiligt werden. In Deutschland sind hingegen die Vereine die Vertragspartner. Es wird hier lediglich unterschieden zwischen Vertragsspielerinnen (ab 250 Euro im Monat) und Amateuren (bis maximal 249,99 Euro).

»Bei uns im Frauenbereich gibt es ausschließlich Vertragsspielerinnen«, teilte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit. Die Bezahlung liege ausschließlich unter der Hoheit der Vereine. Die Gehälter der zwölf Frauen-Bundesligisten machen mittlerweile mehr als 50 Prozent ihrer Budgets aus. Die Spanne ist allerdings gewaltig und reicht von wenigen Hundert bis zu 10 000 Euro monatlich für die Topspielerinnen beim VfL Wolfsburg oder beim FC Bayern München. Nationaltorhüterin Almuth Schult beklagte zuletzt die Kluft zu den männlichen Kollegen: »Einige Spielerinnen verdienen in der Frauen-Bundesliga weniger Geld als beispielsweise Männer in der Landesliga oder in noch tieferen Ligen.«

Spanien erlebt nach Ansicht der FIFpro einen »historischen Moment«. Wo die Frauenliga mit dem Energieunternehmen Iberdrola langfristig einen Sponsor gewonnen habe und selbst Real Madrid seine ignorante Haltung aufgibt und 2020 mit CD Tacon fusioniert, müssten doch überfällige Standards festgeschrieben werden: Mindestlöhne, Krankenversicherung, Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Die Spielerinnen sind es leid, so gering geschätzt zu werden wie Sosa als junges Mädchen. »Engstirnige Menschen« hätten ihrem Vater am Fußballplatz zugerufen, »dass Frauen lieber putzen sollten«. Sie ist längst Leistungsträgerin der »Rojiblancos«, die im Frühjahr das Spitzenspiel gegen den FC Barcelona vor 60 739 Zuschauern im Metropolitano austrugen. Aber ihre zehn Tore und 16 Vorlagen in der vergangenen Saison reichten nicht für eine Berufung in den WM-Kader unter Nationaltrainer Jorge Vilda; und sie kann auch nur von Gagen träumen, wie sie beim katalanischen Konkurrenten üblich sind. Dort soll die nigerianische Stürmerin Asisat Oshoala pro Saison 350 000 Euro einstreichen. Auch die Niederländerin Lieke Martens verdient angeblich ähnlich viel.

Atlético und Barcelona haben sich am Mittwoch im Gleichschritt für das Viertelfinale der Champions League qualifiziert: Barcelona setzte sich gegen FK Minsk (3:1, 5:0) durch, Atlético schaltete - dank eines weiteren Sosa-Treffers - das englische Topteam Manchester City aus (2:1, 1:1). Die Nachwuchsteams sind bei WM und EM im Juniorinnenbereich regelmäßig bei der Titelvergabe dabei, die Nationalelf verlor bei der WM im Gruppenspiel gegen Deutschland (0:1) ebenso unglücklich wie im Achtelfinale gegen die USA (1:2). Spaniens Frauenfußball entwickelt sich aus sportlicher Sicht also grundsätzlich prächtig. Da wäre es eigentlich an der Zeit, dass sich der Aufschwung auch bei den Protagonistinnen auf dem Lohnzettel widerspiegelt.

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