Aufrechter Kämpfer für die Meinungsfreiheit und Greta-Thunberg-Hasser: Dieter Nuhr
Meinungsfreiheit

Man darf jetzt nichts mehr sagen

Abgebügelt

Von Paula Irmschler

In den Zeitungen und Talkshows wurde es lange von den Dächern gepfiffen, und jetzt ist es so weit: Man darf nichts mehr sagen. 100 Prozent der befragten und nicht befragten Leute wissen es und gaben zu Protokoll, dass man mittlerweile nichts mehr sagen darf. Viele erklären auch gern lang und breit, warum das so ist. Bei Interesse einfach nachfragen und sich mit ihnen zum Kaffee verabreden. Früher war das alles noch anders: Man durfte etwas sagen. Und wie man es dann gesagt hat! Unsere Eltern erzählen gern von der goldenen Zeit des Sagens, und wie man es noch durfte. »In eurem Alter haben wir noch richtig was gesagt«, sagen diese oft nostalgisch. Sagten. Morgens, mittags, abends, drinnen und draußen wurde früher gesagt. Es wurde gut was weggesagt. Doch heute hat das Sagen einen schlechten Ruf.

Abgebügelt Paula Irmschler ist freie Autorin und kümmert sich an dieser Stelle alle 14 Tage um Dinge, denen man nur mit Heißdampf begegnen kann. Die Kolumne unter: dasND.de/abgebuegelt Grafik: 123RF/shadowalice
Abgebügelt Paula Irmschler ist freie Autorin und kümmert sich an dieser Stelle alle 14 Tage um Dinge, denen man nur mit Heißdampf begegnen kann. Die Kolumne unter: dasND.de/abgebuegelt Grafik: 123RF/shadowalice

Sagen schickt sich nicht mehr, und man wird komisch angeguckt, wenn man etwas sagt. Wo früher noch ausgelassen in Kneipen und an Haltestellen, in Restaurants, ja sogar im Büro gesagt wurde, herrscht heute Stille. Sagen darf man heute nur noch etwas an ausgewählten Sager-Orten wie dem einen Platz an der Theke oder bei Dieter Nuhr. In ausgewählten Zusammenhängen! Es gibt ein paar Kultsager, die dürfen natürlich überall und immer. Aber wir Normalsager werden ständig belehrt, wie gefährlich unser Sagen ist.

Die Nichtssager sind überall und missionieren. Viele behaupten, sie litten unter den Nebenwirkungen vom Passiv-Sagen, und pampen einen regelrecht an, wenn man sich nicht zurückhalten kann. Es gibt Selbsthilfegruppen für Leute, die mit dem Sagen immer noch nicht aufhören können. Das Problem ist, dass man in diesen Selbsthilfegruppen eigentlich auch nichts sagen darf, was die Problembekämpfung natürlich erschwert.

Gestern war ich zum ersten Mal aus seit dem Sagenverbot. Es war unsäglich. Schweigen, wohin das Ohr reichte. Alle saßen einfach nur so herum und katschten an ihren Fingern, weil Strohhalme mittlerweile auch verboten sind. Ab und an setzte jemand zum Sagen an, doch dieser wurde dann schnell gebremst und rausgeworfen. Sagen soll man bitte jetzt nur noch vor der Kneipe, aber dort soll man es auch nicht.

Also ist man verdammt dazu, immer wieder verscheucht zu werden. Sager werden zu Vagabunden gemacht, so lang fortgeschickt, bis sie eines Tages einen Ort gefunden haben, an dem man noch sagen kann. Manch einer munkelt, das sei in der »Zeit« und »anderen Medien, die Geld damit verdienen, das Narrativ des Nichtsmehrsagendürfens zu stricken, um das Sagbare nach rechts zu erweitern«, möglich. Ich würde Ihnen gern sagen, wie ich diese Theorie finde, doch ich darf es nicht.