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Auf Klassenfahrt

Mit den Eisernen durch die Bundesliga: Zu jedem Heimspiel schicken wir einen anderen Autor in die Alte Försterei - gegen Hertha BSC - Andreas Gläser

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf zum Derby nach Köpenick, aber lieber nicht in der weinroten Harrington-Jacke, auch nicht mit blau-weißem Schal. Zwei Glücksbringer in der Brusttasche müssen genügen: die Dauerkarte vom BFC Dynamo und ein großer Button, den sich mein Sohn vor Jahren bei einem Fest zum 1. Mai bastelte, mit Hertha-Fahne und dem Spruch »I love Berlin« darauf. Der hat schon am vergangenen Mittwoch im Pokal gegen Dresden geholfen.

Die Fahrt ins Ungewisse beginnt damit, dass mir in der Straßenbahn zum S-Bahnhof Greifswalder ein betrunkener Zweimetermann seinen Platz anbietet, weil ich älter bin. Danke, aber ich steige gleich aus. Ich solle mich hinsetzten! Nee. Die Züge nach Köpenick sind gut bevölkert, allerdings schnattern die jungen Touristen aufgeregter vor sich hin als die rot-weißen Fans. Hoffentlich gibt es kein Vorab-Weihnachtssingen. Was ist nur aus Union geworden?

Früher war nicht nur Berlin geteilt. In meiner Schulklasse standen sich die verschiedenen Vereinsvertreter unerbittlich gegenüber. Wenn wir an einem Mittwoch während unserer Klubgaststättenkinderdisko schon zwei Irremacher intus hatten und der DJ die Europapokalergebnisse durchgab, bekam der Rausschmeißer viel zu tun. Heute wird mir in der Alten Försterei ein knappes Dutzend langjähriger Bekannter über den Weg laufen.

Sektor 4, da will ich hin, nahe am Gästeblock. Ich solle bloß nicht meine schrägen Vereinsvorlieben raus hängen lassen, sagen die Freunde. Haben die mehr Schiss als ich? Mich mit dem Lachen zurückzuhalten, habe ich schon Anfang der 80er hinbekommen, als Union ein Aufstiegsrundenheimspiel gegen Vorwärts Stralsund vergeigte. Ich gehe jede Saison etwa dreimal mit Hertha fremd - seit 1989, als Hertha gegen Blau-Weiß 90 das Derby in der 2. Bundesliga 3:2 gewinnen konnte. Ähnliches erwarte ich für das heutige Spiel.

Meine Union-Kumpels können mit dem selbst ernannten Hauptstadtklub nichts anfangen. Ich finde, die Alte Dame passt zu Berlin: Oben eine goldene Kette, unten kaputte Strümpfe. Mein vollstes Verständnis rührt wohl daher, weil ich viele Jahre in der Gleimstraße in Prenzlauer Berg lebte - auf halbem Wege von Hanne Sobeks ehemaliger Wohnung in der Stargarder und dem Stadion an der Plumpe, wo er Hertha BSC 1930 und 1931 zu deren Meisterschaften schoss. Hanne muss auf dem Weg in den Wedding ab und zu vom Rad gestiegen sein und kleine blaue hölzerne Herzchen in die Briefkästen geworfen haben. Kann gar nicht anders sein. Hertha war einfach der Proletenverein aus dem Nordwesten.

Heute macht man einen auf Cosmos Berlin, oder weiß der Geier. Und wenn jemand viele, viele Millionen reinhaut, werden in Herthas Charlottenburger Hauptquartier nur Strümpfe gestopft. Und dann erst diese Zugezogenen mit ihren Vereinen, von denen sie nicht lassen wollen. Man sollte für all die Bayern, Bosporus-Boys und Ruhrpottler zackige Quizrunden veranstalten, von deren Ergebnissen ihr weiterer Aufenthalt abhängt. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt wäre bald entspannter.

Das Derby bei Union ist alles andere als ein hochklassiges Spiel. Doch die Stimmung ist gut. Tausende Anhänger der BSG Aroundtown singen: »Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen?« Wenn ich für einen Tag König von Deutschland wäre, würde ich verfügen, dass die neue Hymne fortan Andrea Nahles Version von »Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt« ist. Der Neuling kommt kompakter, aber begrenzter in seinen Mitteln daher. Herthas Männer lassen ihre eigentlichen Möglichkeiten ab und zu erahnen, aber der Pokalkampf steckt wohl noch in den Knochen.

Auf den Rängen der Gästeseite sinkt das Niveau, Pyrotechnik fliegt auf den Rasen und auf andere Tribünen. Das Elend nimmt seinen Lauf: Videobeweis, Elfmeter, 1:0.

Der Weg zum Parkplatz im dunklen Irgendwo verläuft parallel zu den abwandernden Gästen im Polizeikessel. Ganz schön gruselig. Beim BFC hat man sich so manches Mal einen Spaß daraus gemacht, den Wanderkessel aufzulösen, um den Einheimischen entgegen zu kommen. Doch die Fans der Hertha sind jetzt ruhig und nutzen ihre Kräfte für den Strafmarsch zu einem entfernten Bahnhof. Die Straßen sind voll, wir kommen nicht vom Parkplatz, genießen ein Bier von der Tanke. Prost!

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