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Legal ist, was funktioniert

Der linkspatriotische Spielfilm »The Report« beleuchtet die Folterpraxis der USA nach 9/11

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 4 Min.
Adam Driver unterspielt die Rolle von Daniel Johnson so, dass ihm der mäßig sitzende Anzug des mittleren Beamten passt.
Adam Driver unterspielt die Rolle von Daniel Johnson so, dass ihm der mäßig sitzende Anzug des mittleren Beamten passt.

Es ist ja keine schöne Angewohnheit, Rezensionen als Inhaltsangabe zu bestreiten, aber die Ausnahme muss einmal die Regel bestätigen. Am 11. September 2001 entführen Terroristen vier Verkehrsflugzeuge, steuern zwei davon in das New Yorker World Trade Center und eines ins Pentagon, annähernd 3000 Menschen sterben. Das FBI hat die CIA, die untätig geblieben ist, mit präzisem Wissen gewarnt. Nach der Katastrophe ist ihr Eifer grenzenlos, und sie lässt zwei Psychologen neue Befragungstechniken vorstellen; 119 Verdächtige hat man im Ausland festgesetzt, und die sollen jetzt was sagen zu den Anschlägen, die waren, und denen, die man erwartet.

Die »erweiterte Befragung« ist nichts anderes als Folter: Schlafentzug, Demütigung, Kälte, Schläge, das seither berüchtigte Waterboarding. Jahre später beauftragt die demokratische Senatorin Dianne Feinstein ihren jungen Mitarbeiter Daniel Johnson, das von Präsident Obama eingestellte »Detention and Interrogation Program« zu untersuchen, und wie Johnson das tut und was er dabei findet und wie CIA und Politik die Beweise zu vertuschen und den Bericht zu unterdrücken versuchen, davon handelt »The Report«, der, die Titelsequenz deutet es an, eigentlich ein »Torture Report« ist.

Was man über Folter wissen muss, in diesen schlanken, wortlastigen zwei Stunden kann man es erfahren: Wie der Notstand, wenn man ihn lässt, ein inoffizielles Notstandsrecht gebiert; wie leicht es ist, Bedenken nicht zu haben, wenn es vorderhand bloß um »Methoden« geht, die, das ist den Zuständigen wichtig, auf »Wissenschaft« beruhen; wie sich Moral (Das passiert uns nicht noch mal) und Positivismus bedingen und befeuern (»If it works, it’s legal«); wie Bürokratie das Böse inkorporiert und weißwäscht, indem sie es zum Vorgang macht, der, noch einmal, streng unter Ergebnisgesichtspunkten beurteilt wird; und wie man sich im Zweifel darauf verlassen kann, dass die öffentliche Meinung gutheißt, was nötig ist, um »amerikanische Leben zu retten«. Folter ist also auch eine Allegorie auf Zustände, die sich auf Alternativlosigkeit berufen.

Daniel Johnson, den es wirklich gibt und den Adam Driver so unterspielt, dass ihm der mäßig sitzende Anzug des mittleren Beamten passt, weist die älteste Wahrheit nach, die es über Folter gibt: dass sie in aller Regel nutzlos ist. Erhält man überhaupt wahre Auskünfte, sind sie vor einem zivilisierten Gericht ohne Wert, doch solche Auskünfte kriegt man gar nicht. Tatsächlich ist keine einzige Aussage, die das Folterprogramm erpresst hat, in irgendeiner Weise hilfreich gewesen; dafür kann die Welt spätestens jetzt sehen, dass Waterboarding nicht irgendeine etwas gröbere, aber vertretbare Polizeimethode ist, sondern tatsächlich Folter. »The Report« haushaltet mit Schockeffekten; die Gewalt der Mühlen, die da mahlen, reicht ihm völlig, zumal da die Mühlen lange mahlen, denn natürlich will es am Ende niemand gewesen sein, und wenn er’s gewesen sein will, dann aus den besten Gründen.

Dass der Bericht am Ende ohne die grotesk weitreichenden Schwärzungen erscheinen kann, die von der CIA vorgesehen waren, inszenieren Buch und Regie als Triumph der US-amerikanischen Demokratie und ihrer Werte, die die Folter verrate; eine originale, in diesem Sinne gehaltene Rede des Senators John McCain läuft im Fernsehen, während »Mad Man« Jon Hamm als hoher Regierungsbeamter, der auf den Report gut hätte verzichten können, selbstkritisch aus dem Fenster schaut. Hier läuft der Film, dessen zweite Hauptfigur die von Annette Bening mit stillem, dadurch um so suggestiverem Pathos verkörperte Paradedemokratin Feinstein ist, Gefahr, sich auf eine Weise an der Erzählung vom »Aufarbeiten« zu berauschen, wie sie vor freilich ungleich dunklerem Hintergrund aus Deutschland bekannt ist, dem, was sein Image als Vorzeigedemokratie angeht, etwas Besseres als Auschwitz nicht hätte passieren können. (Das ist dann auch eines der Argumente derer, die sich für die Veröffentlichung des Berichts einsetzen: Foltern ist das, was früher die Nazis getan haben.) »The Report« weiß diesen Effekt aber zu dämpfen, indem eine Einblendung darauf hinweist, dass niemand der Verantwortlichen im geringsten belangt und mancher sogar befördert worden sei, einer gar zum CIA-Chef. Und das, obwohl sich Film und Vaterland auf George Washington höchstselbst berufen können, der, auch das erfahren wir zu guter (oder schlechter) Letzt, verlangt hat, sich an Gefangenen vergehende US-Soldaten so hart zu bestrafen, »wie es die Größe des Verbrechens verlangen mag … denn durch solches Verhalten bringen sie sich und ihrem Land Schande, Ungnade und Ruin«.

Das mit der Schande wird man gelten lassen müssen.

»The Report«. USA, 2019. 120 Min. Regie: Scott Z. Burns. Darsteller: Adam Driver, Annette Bening, Jon Hamm

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