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Wo Priester viele Opfer fanden

Erschreckende Zahlen aus Mecklenburg - Bistum will Missbrauchstaten aufklären

Licht ins Dunkel um Verbrechen, die katholische Kleriker an Kindern und Jugendlichen im Erzbistum Hamburg verübt haben, soll eine Studie zum sexuellen Missbrauch in Norddeutschland bringen. Es gelte, aufzuklären und Betroffenen zu helfen. Ziel der Aktion sei es auch, dafür zu sorgen, dass solche Taten nicht mehr geschehen können. Das versprach der Hamburger Erzbischof Stefan Heße am Montagabend im mecklenburgischen Neubrandenburg. »Lange genug« sei die Kirche »geschichts- und menschenvergessen« gewesen, sagte er. Sein Bistum umfasst neben Hamburg auch Schleswig Holstein und Mecklenburg.

Die Veranstaltung in Neubrandenburg mit rund 100 Teilnehmern bildete den Auftakt für die Untersuchung, mit der Forscher der Universität Ulm beauftragt wurden. Im Fokus steht der Zeitraum von 1945 bis 1989, die Wissenschaftler wollen zwei Jahre lang Betroffene durch anonymisierte Interviews oder Fragebögen erfassen.

Bereits jetzt ist bekannt, dass sich in Mecklenburg 17 Priester an mindestens 54 Kindern vergangen haben. Im gesamten Bistum, zu dem 400 000 Kirchenmitglieder zählen, sind bislang 33 Täter aus den Reihen der Kirche und 103 Opfer bekannt. In Neubrandenburg waren Betroffene, von denen viele noch heute unter den Folgen des Missbrauchs leiden, zugegen. So berichtete ein ehemaliger Messdiener, der von sexuellen Übergriffen und körperlicher Misshandlung durch den früheren Neubrandenburger Pfarrer Hermann-Josef Timmerbeil Anfang der 1960er Jahre berichtete. Der Name des 1979 verstorbenen Priesters ging vor gut einem Jahr durch die Medien. Damals hatte das Erzbistum bekanntgegeben, dass der Mann sich während seiner Amtszeit an zahlreichen Kindern vergangen hat. Der ehemalige Messdiener hatte im September 2018 berichtet, Timmerbeil habe seine Taten mit dem Spruch »Du sollst leiden wie der liebe Heiland und dir den Himmel verdienen« gerechtfertigt.

Die Forscher werden nicht allein untersuchen, welche Geistlichen sich schuldig gemacht haben, sondern auch Fälle beleuchten, an denen weitere Mitarbeiter der katholischen Kirche beteiligt waren. Die Studie wird von Manuela Dudeck, Professorin für forensische Psychiatrie, geleitet. Sie wolle Betroffene ermutigen, sich bei den Forschern zu melden, sagte sie. Dabei sehe sie durchaus das »moralische Dilemma«, dass die Opfer Wissenschaftlern vertrauen sollen, die von der katholischen Kirche bezahlt werden, räumte sie ein.

Die Forscher können bisher nicht zugängliche Personalakten und weitere Unterlagen einsehen, darunter auch solche des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Bereits jetzt deutet sich an, dass die damalige Kirchenleitung schon zu DDR-Zeiten von Missbrauchsfällen gewusst hat, diese aber »unter der Decke« hielt.

Im benachbarten Bistum Hildesheim, das einen Großteil Niedersachsens umfasst, laufen seit gut einem Jahr ähnliche kircheneigene Ermittlungen. Missbrauchsvorwürfe dort richten sich auch gegen den 1988 im Alter von 80 Jahren verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen. Er soll während seiner Amtszeit von 1957 bis 1982 einen Messdiener sexuell gedemütigt haben. Die Aussage des Betroffenen wird seitens des Bistums als glaubwürdig bewertet.

Die Bistumsleitung hat Opfer, Zeugen und ehemalige Kirchenbedienstete aufgerufen, Missbrauchsfälle aus der Vergangenheit zu melden. Irgendwann ausgesprochene »Schweigegebote« hätten keine Wirkung mehr, zitierte die »Hildesheimer Allgemeine« den amtieren Bischof Heiner Wilke. »Er ist doch von uns verehrt worden - fast wie ein Heiliger«, kommentierte eine betagte Katholikin unlängst die Vorwürfe gegen Janssen. Mehrere Gläubige haben inzwischen wegen der Taten im bischöflichen Palais gefordert, man möge die sterblichen Überreste des Würdenträgers aus seiner ehrenvollen Grablege, der Bischofsgruft des Hildesheimer Domes, entfernen und anderswo bestatten.

Betroffene können sich an die Leiterin der Studie, Prof. Manuela Dudeck, wenden. Telefon: 08221/9625851, Mail: manuela.dudeck@bkh-guenzburg.de

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