Die Holocaust-Überlebende Liliana Segre spricht mit Studenten anlässlich einer Holocaust-Gedenkveranstaltung im Arcimboldi-Theater.
Italien

Unter Polizeischutz

Seit sie Matteo Salvini kritisierte, wird die fast 90-jährige Holocaustüberlebende Liliana Segre von Rechten bedroht.

Von Anna Maldini, Rom

Liliana Segre war 13, als sie nach Auschwitz gebracht wurde. Auf ihren Arm wurde die Nummer 75 190 tätowiert. Sie arbeitete etwa ein Jahr in der Munitionsfirma Union, die zum Siemens-Konzern gehörte. Nach Auflösung des Lagers wurde sie auf den Todesmarsch in Richtung Deutschland geschickt und dann am 1. Mai 1945 von der Roten Armee befreit. Heute, fast 75 Jahre später, muss Segre wieder um ihr Leben fürchten.

Die Faschisten haben praktisch ihre gesamte Familie ermordet. Zurück in Italien, wurde Segre bei entfernten Verwandten untergebracht. Über die Zeit schrieb sie später: »Für meine Verwandten war der Umgang mit dem verwundeten Tier, das ich war, sehr schwierig. Ich war ein kleines Mädchen, das aus der Hölle gekommen war, und von mir verlangte man Nachgiebigkeit und Resignation.« Mit 20 Jahren heiratete sie einen Mann, der ebenfalls im KZ gewesen war. Die beiden bekamen drei Kinder. Erst mit weit über 70 begann Segre, vor allem in Schulen ihre Geschichte zu erzählen. 2018, anlässlich des 80. Jahrestages der italienischen Rassengesetze, bekam sie die höchste Auszeichnung Italiens: Staatspräsident Sergio Mattarella ernannte sie aufgrund ihrer »hervorragenden Verdienste im sozialen Bereich« zur Senatorin auf Lebenszeit.

Damals hatte wohl niemand erwartet, dass die Holocaust-Überlebende sich so kämpferisch für die Rechte aller Minderheiten einsetzen würde. Doch sie nutzte ihre neuen Möglichkeiten, mischte sich ein und verurteilte die Migrationspolitik des damaligen Innenministers Matteo Salvini aufs Schärfste. Der hat die alte Dame seither zu seinem Hassobjekt erkoren. Vor wenigen Wochen schlug Liliana Segre vor, im Senat einen Ausschuss zur Überwachung von »Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus, Hass und Gewalt« einzurichten. Daraufhin nahmen die Beschimpfungen und Bedrohungen so massiv zu, dass sich das Innenministerium jetzt gezwungen sah, die fast 90-Jährige unter Polizeischutz zu stellen.