Preisverdächtig: Die Preisträgerin Shoshana Zuboff (2.v.r.), die Verlegerin Friede Springer (r), die designierte Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen (l) und Mathias Döpfner (2.v.l.), Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE
Axel Springer Award

Der Award auf dem Silbertablett

sieben tage, sieben nächte über die »gesellschaftliche Verantwortung« des Axel-Springer-Verlages.

Von Regina Stötzel

Ein paar lustige Blättchen, in denen gegen Linke, Langhaarige und andere Faulenzer gehetzt wurde, genügten dem Axel-Springer-Verlag früher, um viel Geld zu machen. Zwar tobt man sich auf diesem Spezialgebiet nach wie vor aus (»Deutschlands faulster Arbeitsloser jubelt: Jetzt gibt’s Hartz IV auf dem Silbertablett«). Doch so viel ist damit nicht mehr zu verdienen. Auch immer mehr Medien aufzukaufen, genügt heutzutage nicht. Man muss sich schon in allerhand Branchen herumtreiben und vor allem immer schön von sich reden machen.

Im Zweifelsfall erfindet man einen neuen Preis. Seit vier Jahren vergibt die Axel Springer SE, wie der Konzern heißt, einen »Award« ohne Preisgeld an Menschen, die »außergewöhnlich innovativ sind, neue Märkte schaffen und Märkte verändern, Kultur formen und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen«. Also genau solche, die man bei Springer am liebsten mag und die ganz im Sinne der »freien und sozialen Marktwirtschaft« agieren, die man sich auf die Fahnen geschrieben hat.

Wobei die Maßstäbe »gesellschaftliche Verantwortung« beziehungsweise »sozial« offensichtlich nicht verbieten, den Award an Personen zu verleihen, die bereits mit einigen Negativpreisen in Sachen Datenschutz bedacht oder vom Internationalen Gewerkschaftsbund zum »schlechtesten Chef der Welt« gekürt worden sind. Und so waren die bisherigen Awardisten folgerichtig neben dem HTML-Erfinder Tim Berners-Lee die Gründer von Facebook und Amazon, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos. Doch obwohl Mark Zuckerberg sicherlich für seine jungen Jahre große Geschäftserfolge vorzuweisen und Jeff Bezos nachweislich »den Alltag der Konsumenten weltweit beträchtlich verändert« hat, wie Mathias Döpfner in seinen Würdigungen hervorhob, gab es Kritik. Aber Springer ist eben Springer, und so kann man sich auch in Sachen Preisvergabepolitik neu erfinden: In diesem Jahr ging der Award an die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff, eine große Kritikerin ausgerechnet jener Rundum-Smartifizierung, die im Gefolge von Google auch Facebook und Amazon verkörpern. Zuboff hat in ihren Publikationen beschrieben, wie zuerst Google die Konzepte entwickelte, mit denen es möglich wurde, an genau die Informationen zu gelangen, die Konsumenten eigentlich nicht preisgeben wollen. Mit diesem »Überschuss« werden vorhersagekräftige Muster erstellt, mit denen sich Werbung gezielt bestimmten Personen zuordnen lässt.

»Gesellschaftliche Verantwortung« übernimmt Zuboff sicherlich, nur haben ihre Aufrufe zum Widerstand gegen den »Überwachungskapitalismus« die Märkte bisher noch nicht verändert. Aber das wollen wir Springer mal durchgehen lassen. Alexa, wer bekommt nächstes Jahr den Award?