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  • Hans Magnus Enzensberger

Die Felsen sind eben da

Hans Magnus Enzensberger ist 90 Jahre alt

  • Von Jürgen Roth
  • Lesedauer: 7 Min.
Immer noch Marxist und Anwalt der Outlaws und nichtsystemischen Menschen: Hans Magnus Enzensberger (hier auf einer Aufnahme von 1993)
Immer noch Marxist und Anwalt der Outlaws und nichtsystemischen Menschen: Hans Magnus Enzensberger (hier auf einer Aufnahme von 1993)

Manche Wörter / leicht / wie Pappelsamen Hans Magnus Enzensberger: »Windgriff«

Um die Stokowskis und die sonstigen ordnungssüchtigen, sattelfesten, prangend unbelesenen Reiter des guten Geistes unserer zum Bersten aufgeklärten Zeit vorab zu beruhigen: Vor fünf Jahren hat Hans Magnus Enzensberger im Gespräch mit dem »Spiegel« konzediert, dass sein Verdikt aus dem Jahr 1991, Saddam Hussein sei »Hitlers Wiedergänger«, töricht gewesen ist.

Der schon damals recht alte weiße Mann war, ohne dass ihn irgendein Öffentlichkeitsaufseher dazu hätte nötigen müssen, so frei zu sagen: »Es gibt ja nicht nur Peinlichkeiten, sondern auch richtige Fehler. Man kann nicht immer recht haben. Es wäre mir übrigens unangenehm, wenn ich ständig recht behielte. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen jede Menge Fehler aufzählen.« - »Spiegel«: »Bitte.« - Enszensberger: »Meine Fehleinschätzung der UÇK, der albanischen Befreiungsarmee im Kosovo, die eine wesentlich trübere Truppe war, als ich es vermutet habe. Ich kannte Albanien nicht. Man soll nicht über etwas sprechen, das man nicht kennt. Man macht also Fehler. Man kann sie aber auch zugeben. Das ist nicht so schwer.«

Mir scheint es unmöglich, Hans Magnus Enzensberger approximativ angemessen zu würdigen. Das lässt sich höchstens fragmentarisch und unter schändlicher Nichtbeachtung seiner den hiesigen Kulturbetrieb prägenden und zugleich überschreitenden Tätigkeiten als Übersetzer, Lektor, Zeitschriftengründer und Herausgeber bewerkstelligen.

Enzensberger ist, sofern der Vergleich gestattet sei, der Diderot Deutschlands, ein nur ab und an eingreifender, aber allzeit enzyklopädisch interessierter Rückzugsartist. Denn Gedanken, die zu fassen des Intellektuellen Profession sein mag, kennen keine Richtung und keine präparierte Gesinnung, sondern nur Gegenstände, Probleme, Konstellationen. Die Arbeit des Begriffs bleibt stets der idealiter vergnügliche, mit dem Malus der Vorläufigkeit behaftete Versuch, der mal unwirtlichen und widerwärtigen, mal erstaunlichen und frohgemut stimmenden Wirklichkeit durch Worte deren Unwägbarkeit und Komplexität zu entlocken. Was wirklich ist, ist ja wirklich, doch muss es wirklich so sein?

»Was habe ich hier zu suchen, in dieser Schlachtschüssel«, heißt es in einem seiner frühen Gedichtbände, die Enzensberger Ende der Fünfziger auf einen Schlag berühmt machten, »in dieser Mördergrube, / wo der Kalender sich selber abreißt vor Ohnmacht und Hast, / wo die Vergangenheit in den Müllschluckern schwelt / und die Zukunft mit falschen Zähnen knirscht, / das kommt davon, dass es aufwärts geht, / da tun wir Fleckenwasser drauf, / das ist hier so üblich, das wundert mich nicht«.

Dass Enzensberger in den folgenden Jahren der Nimbus zuteil wurde, der Mentor der Studentenbewegung schlechthin zu sein, gründete zumal in seinen medientheoretischen Arbeiten und seinen rednerischen Interventionen, in denen er etwa angesichts der Notstandsgesetzgebung dazu aufrief, »die Herrschaft einer winzigen Minderheit, die Herrschaft des Kapitals« zu brechen.

’68 »war ein Medienkampf«, blickt Enzensberger in Ralf Zöllers Dokumentarfilm »Ich bin keiner von uns - Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger« (WDR/arte/SWR 2000) zurück, und bereits in diesen Auseinandersetzungen zwischen den bürgerlich-reaktionären Oligopolen und einer bald kaum mehr überschaubaren neuen emanzipatorischen Presse- und Verlagswelt wies er jede Vereinnahmung zurück.

Enzensberger, der immerzu Bewegliche, der literarischen und essayistischen Unternehmungen ein Größtmaß an Formbewusstsein und Ausdrucksgeschmeidigkeit abverlangte und jeglichen Dogmen und lauten, muffigen, betonierten Meinungen misstraute und widersprach, weil er in ihnen zu Recht »Verbote der Reflexionsfähigkeit« erblickte, musste sich daher von den Parolenpinslern vorwerfen lassen, »die Sache« nicht ernst zu nehmen oder gar zu verraten. Darüber lacht er bis heute. »Der schaut immer nur zu, was die anderen machen, obwohl er dabei ist und mitgeht«, habe man ihm angekreidet, erzählt er. »Warum haut er nicht einfach ab und sagt: Interessiert mich nicht? Aber nein - dazu ist er zu neugierig. Manche, die eine Witterung für so etwas hatten, haben das damals bemerkt und gesagt: Dieser Typ ist immer gleichzeitig drinnen und draußen.«

Dieser Typ dreht 1971/72 - man stelle sich das dieser Tage vor - für den WDR eine neunzigminütige Rekonstruktion der Geschichte des spanischen Anarchismus. »Durruti - Biographie einer Legende« ist eine grandios komponierte Erzählcollage, ein Mosaik aus Interviews mit Glasbläsern, Schreinern, Druckern, Textilarbeitern, Schauleuten, mit den von der verknechteten Bevölkerung, von all den »Namenlosen« unterstützten »Hippies mit Handgranaten«. Es ist ein Hymnus auf die bübische Militanz, auf den Mut und die Würde, auf die Solidarität, die Herrschaftsfreiheit, die Gebrauchswertgerechtigkeit, die schöne Erdverbundenheit, ein Loblied auf die heroische Zeit der Heroenlosigkeit. In einer Art Prolog spricht Enzensberger aus dem Off von »einer herrschenden Klasse von unvorstellbar korrupten und unfähigen Gutsbesitzern«, von der »dünnen Schicht der Parasiten«, von der Kirche als »zynischer Stütze der Reichen«, vom Rechtsstaat, der »eine Fiktion«, und vom »Wahlverfahren«, das »ein erpresserischer Schwindel« sei. »Die einzig mögliche Konsequenz: der bewaffnete Klassenkampf.«

Nicht eine seiner materialistischen Analysen hat Enzensberger jemals zurückgenommen. Das allermeiste bleibt ungemein lesenswert, zum Beispiel sein großer Aufsatz »Zur Kritik der politischen Ökologie« im »Kursbuch« Nummer 33 von 1973, in dem er schrieb: »Sozialismus oder Barbarei. Angesichts der sich abzeichnenden ökologischen Katastrophe nimmt dieser Satz einen neuen Sinn an. Der Kampf gegen die kapitalistische Produktionsweise wird zum Wettlauf mit der Zeit, den die Menschheit zu verlieren droht«.

Noch immer bezeichnet sich Enzensberger als »gelernten Marxisten. Die blauen Bände gehören nach wie vor zu meinem Werkzeugkasten«, und zu den vornehmsten Aufgaben des autonom Denkenden rechnet er »die Unterwanderung von Institutionen, die Unterwanderung von Autoritäten«, seien es administrative, seien es militärische, seien es formaldemokratische, kurzum: von staatlichen. In seinem jüngsten, neuerlich glanzvoll leichtfüßigen Buch »Eine Experten-Revue in 89 Nummern« (Berlin 2019) attackiert der Verehrer der Figur des Oblomow und Anwalt der Outlaws und nichtsystemischen Menschen en passant diesen degoutanten, seine »Untertanen« schurigelnden »Nimmersatt«, ein Motiv wiederaufnehmend, das - wie vieles - eine Kehrseite hat. In dem Gedicht »Leviathan« (2006) nämlich heißt es: »Ohne uns, seine hörigen / Angehörigen, wäre er nichts. / Ihn loszuwerden - unmöglich. / Für uns spricht es nicht, / dass er unentbehrlich ist, / dieser ewige Langweiler«, der ideelle Gesamtkapitalist.

In »Ich bin keiner von uns« sieht man Hans Magnus Enzensberger im Budapester Kopfbahnhof stehen und die auf der Anzeigetafel aufgelisteten Namen der Zielorte vor sich hin murmeln, als wolle er sie abschmecken, um ihren Gehalt jenseits der Sphäre der Zwecke und ewigen Umtriebe zu erspüren. Denn allein das Konkrete, das Abgesonderte hat Gestalt, das Ganze des Geschehens ist das Falsche. In dem mir vermutlich liebsten seiner Werke, im Lyrikband »Die Geschichte der Wolken« (2003), findet sich sodann der komplementäre »Kleine Abgesang auf die Mobilität«: »Es war kalt in Bogotá. / Alle Restaurants hatten Ruhetag / in Mindelheim an der Mindel. / Auf Fidji strömender Regen. / Helsinki war ausgebucht. / In Turin streikte die Müllabfuhr. / Überall Straßensperren / in Bujambara. Die Stille / über den Dächern von Pécs / war der Panik nahe. / Noch am ehesten auszuhalten / war es unter dem Birnbaum / zu Hause.«

Das »Grundrecht auf Verweigerung« (Enzensberger) und das Glück des Nichtdabeiseins, aus dem sich eine unaufdringliche Moral der Anerkennung des scheinbar Unbedeutenden speist: Beides ist verwiesen auf den Vorrang der tatsächlichen, der so inhomogenen wie kontingenten Verhältnisse, auf die Beachtung des Missachteten, des Kleinen und Übersehenen: der Knöpfe und der Kartoffel (»Mit dem Himmel hat sie wenig im Sinn«), des Schuhs und des Apfels (des »schönen Gestirns«), des Badeanzugs, der Brezel und des Hemdes (dieser »willkommenen Gaben«).

Hans Magnus Enzensberger war nie ein Sartre und lehnt den Posten eines Stellvertreters bis heute lächelnd ab. Pharisäer und Zeloten können schwerlich auf ihn zählen. Frei von Dünkel, schwebt der Dichter mit dem unverwüstlich juvenilen Gemüt des Spielers (»Der total erwachsene Mensch wäre ein pathologischer Fall«) und dem untrüglichen Gespür für sparsame Beredsamkeit, für sprachliche Entschlackung und Verknappung zwischen Brentano und Brecht hin und her und über beide hinweg, und »leicht / ging eine junimusik durch die hellen zimmer«, und »die felsen dort, / unwissend furchtlos / überflüssig ruhig«, die sind eben da.

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