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Sehnsucht nach dem Wandel

In Chingford fordert Faiza Shaheen zur Unterhauswahl einen gestandenen Abgeordneten der Tories heraus

  • Von Peter Stäuber, London
  • Lesedauer: 7 Min.

Faiza Shaheen ist überwältigt. Mit Unterstützung hatte sie gerechnet, nicht aber damit, dass sie am ersten Samstag des Wahlkampfs über 200 Aktivistinnen und Aktivisten um sich scharen würde, die ihr beim Türklopfen helfen wollen. Es ist ein regnerischer Samstag, heftiger Wind bläst durch Chingford, ein Vorort in der nordöstlichen Ecke von London. Der Wahlkreis ist seit Jahrzehnten in konservativer Hand, aber das will Shaheen am 12. Dezember ändern: Sie tritt für die Labour-Partei an. Und sie glaubt, dass sie gewinnen kann.

Der ideologische Kontrast zwischen den zwei größten Parteien war noch nie so deutlich wie in diesen Wahlen: Auf der einen Seite eine Tory-Partei, die unter Boris Johnson unverblümten Rechtspopulismus betreibt, auf der anderen die Labour-Partei unter Jeremy Corbyn, die seit dem letzten Urnengang im Sommer 2017 ihr linkes Profil geschärft hat. Sie plant die Abschaffung von Privatschulen, die Verstaatlichung der Energieversorgung, massive öffentliche Investitionen in Form eines Green New Deal und vieles mehr.

Die Radikalität des Labour-Programms ist ein Grund, weshalb Faiza Shaheen in Chingford and Woodford Green kandidiert. Die 36-jährige Londonerin hat in Oxford Wirtschaft und Politik studiert und danach für verschiedene Thinktanks gearbeitet, ihr Forschungsschwerpunkt ist die ökonomische Ungleichheit. 2016, ein Jahr nach der Wahl Corbyns zum Vorsitzenden, trat sie in die Labour-Partei ein.

Sparmaßnahmen der Tories treffen viele Menschen hart

Nach langem Überlegen entschied sie sich vor rund zwei Jahren, in ihrem Heimatquartier zu kandidieren. »Ich würde nicht für eine Labour-Partei antreten, die nur kleine Veränderungen am Status quo vornehmen will«, sagt sie. »Aber unter Corbyn kann ich sehr offen über den radikalen Wandel sprechen, den ich mir wünsche.« Und dann hat sie noch einen persönlichen Grund, warum sie als Labour-Mitglied den Kampf gegen die Tories aufnehmen wollte: »Meine Mutter war kurz zuvor gestorben. Die Sparmaßnahmen ab 2010 hatten sie schwer getroffen. Sie war zehn Jahre lang krank und erlebte selbst, was für Folgen die Einsparungen im Gesundheitsdienst hatten. Es wurde immer schwieriger, Sozialfürsorge für sie zu organisieren oder das nötige Invalidengeld zu beziehen.«

In der Tory-Partei hatte das Sparprogramm viele enthusiastische Fürsprecher - darunter auch Iain Duncan Smith, seit 27 Jahren Abgeordneter für Chingford and Woodford Green. Der Mann ist so bekannt, dass man ihn in Westminster unter seinen Initialen kennt: IDS. Ehemaliger Tory-Parteichef, Arbeitsminister unter David Cameron, Kampagnenchef für Boris Johnson, als dieser vor einigen Monaten erfolgreich fürs Amt des Premierministers kandidierte - IDS ist ein großes Tier im britischen Politbetrieb.

Als Duncan Smith 1992 zum ersten Mal ins Parlament gewählt wurde, gewann er doppelt so viele Stimmen wie Labour, der Sitz war ein sicheres Pflaster für ehrgeizige konservative Politiker. Noch in der Parlamentswahl von 2010 sicherte er sich den Sitz mit einer satten Mehrheit von fast 13 000 Stimmen. Doch seither ist sein Vorsprung dramatisch geschrumpft.

Immer mehr Menschen können sich Mieten in London nicht mehr leisten

Der Speckgürtel von London, wo wenige große Industriebetriebe angesiedelt sind und der Anteil weißer Briten lange Zeit höher war als in der inneren Stadt, wählt traditionell konservativ. Aber in den letzten zehn Jahren waren Veränderungen zu beobachten: Immer mehr junge Berufstätige und Familien können sich die exorbitanten Immobilienpreise im Zentrum der Metropole nicht mehr leisten und ziehen hierher - und diese Leute wählen tendenziell links.

Dazu kommt, dass viele Arbeiter weniger als den sogenannten living wage verdienen, also den Mindestlohn, der einen menschenwürdigen Lebensunterhalt sicherstellen soll. Laut einem parlamentarischen Untersuchungsbericht betraf dies vor ein paar Jahren fast die Hälfte der Einwohner von Chingford. Auch diese Leute sind kaum enthusiastische Tory-Wähler. Aber Statistiken zeigen, dass ärmere Leute viel weniger häufig ins Wahllokal gehen als vermögendere Bevölkerungsgruppen - ein persönliches Gespräch mit Shaheen oder einer ihrer Helferinnen kann den entscheidenden Unterschied machen.

»2438 Stimmen«, sagt die Kandidatin zu einem etwa 30-jährigen Mann, den sie während ihrer Wahlkampftour in ein Gespräch verwickelt: So groß war der Vorsprung von Duncan Smith bei der letzten Wahl. »Die Mehrheit der Tories ist dünn. Wir brauchen jedes Votum.« Der Mann, der in Iran geboren wurde, will eigentlich gerade ins Auto steigen, um zusammen mit seiner Mutter Kleider für seine Hochzeit zu kaufen; aber wie oft an diesem Nachmittag entwickelt sich eine längere Konversation. Der Mann sagt, dass der Brexit für ihn das wichtigste Thema sei. Er handelt mit E-Zigaretten, und ein harter EU-Austritt würde seinem Exportgeschäft ernste Probleme bereiten. »Ich habe bislang stets die Tories gewählt«, sagt er. »Aber die Brexit-Politik der Regierung halte ich für eine Katastrophe.«

Shaheen antwortet, indem sie auf die Haltung ihres Rivalen verweist: Duncan Smith gehört zum harten Kern der EU-Gegner, er spricht gern vom »Brexit-Verrat« und hält einen Austritt ohne Deal für eine akzeptable Lösung. Der Mann schüttelt den Kopf, als wolle er sagen: Wie kann man nur so etwas denken. Dann sprechen sie über lokale Themen - Messergewalt unter Jugendlichen, Raser auf den Quartierstraßen, Engpässe im Gesundheitsdienst. Shaheen kennt die Probleme: Sie ist hier aufgewachsen, ihre Primarschule liegt keine zwei Straßen entfernt.

Die Politik in Großbritannien ist enorm zentralisiert

Das macht Eindruck auf die Leute. Die Politik in Großbritannien ist enorm zentralisiert, in den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich immer mehr Entscheidungsgewalt in London konzentriert, und viele Abgeordnete haben weder eine Verbindung zu den Wahlkreisen, die sie repräsentieren, noch leben sie dort. IDS zum Beispiel wohnt in Swanbourne, einem Nest im fernen Buckinghamshire.

Die Mutter des jungen Mannes wird langsam ungeduldig, noch schnell gibt Shaheen einen Tipp, wo er sich seine Kleider kaufen soll, dann verabschiedet man sich, und zum Schluss sagt der Mann: »Ich werde für dich stimmen.«

Was man an diesem Samstag immer wieder spürt, ist eine tiefe Desillusionierung der Leute. Sie sind enttäuscht von der politischen Klasse in Westminster. Viele Wähler haben die Hoffnung aufgegeben, dass ihr Votum etwas bewegen kann. Shaheen zeigt Verständnis: »Ich stimme völlig überein, dass uns die Politiker im Stich gelassen haben. Wir sehen die ewig gleichen, alten Politiker, und deshalb sind auch die Resultate immer die gleichen«, sagt sie. Deshalb brauche es jüngere, progressive Kandidaten, um die Politik zu verändern - Leute wie sie. »Der Gegensatz zwischen Duncan Smith und mir könnte nicht dramatischer sein. Er ist ein altmodischer Tory, und das brauchen wir wirklich nicht.«

Wenn Labour in Chingford triumphieren kann, so schrieb die Financial Times 2018, würde dies auf eine grundlegende Verschiebung der politischen Landkarte hindeuten. »Es wäre, wie wenn die (US-)Demokraten Texas gewinnen würden«, sagte der Politologe Jeremy Gilbert gegenüber der Zeitung. Ob Shaheen den Sitz gewinnt - und Labour insgesamt eine Mehrheit erringen kann - wird in entscheidender Weise von der people power abhängen: von der Fähigkeit, hunderte und tausende Aktivistinnen und Aktivisten zu mobilisieren. Die Kapazität dazu hat Labour - noch immer zählt die Partei rund eine halbe Million Mitglieder. Und nach den ersten zehn Tagen des Wahlkampfs festigt sich der Eindruck: An nötigem Enthusiasmus und an Entschlossenheit mangelt es nicht.

Sicher nicht in Chingford. Nach der ersten Tour versammeln sich die Aktivisten vor dem lokalen Büro der Labour-Partei, sie stärken sich mit Kaffee und decken sich mit weiteren Wahlbroschüren und -plakaten ein. Dann machen sie sich wieder auf den Weg. Später am Nachmittag werden weitere Helfer dazustoßen, genauso am folgenden Tag. Insgesamt kommen an diesem Wochenende über 600 Aktivisten nach Chingford, um für Faiza Shaheen Werbung zu machen. Die Kandidatin ist zwar vorsichtig, aber dass sie es schaffen kann, daran glaubt sie fest. »Es steht viel auf dem Spiel«, sagt sie. »Ob es darum geht, Boris Johnson zu stoppen, oder um das Klima, die Sparpolitik oder Obdachlosigkeit. Ich sehne mich nach einem Wandel.«

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