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Aufmerksam sein und informieren

Sandra Born über die Ziele und Aufgaben der ersten Kinderarmutskonferenz in Lichtenberg

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.
In Berlin ist gut jedes dritte Kind armutsbetroffen.
In Berlin ist gut jedes dritte Kind armutsbetroffen.

Am Mittwoch findet die Konferenz »Jedem Kind eine Perspektive!« statt. Wie kommt es überhaupt zu Kinderarmut?

Mit dem Lebenslagen-Konzept gehen wir zunächst davon aus, dass Armut sehr komplex und auf schwierige Versorgungszugänge in unterschiedlichen Bereichen zurückzuführen ist. Diese Bereiche bilden auch die wesentlichen Schwerpunkte der Konferenz: Armut und existenzielle Versorgung, Armut und Gesundheit, Armut und Bildung und Armut und soziale Teilhabe. Das sind zugleich die vier Arbeitsgruppen, die mit der Konferenz ihre Tätigkeit aufnehmen. Sie sollen unter anderem herausfinden, was der Bezirk leisten kann, wenn es bereits hilfreiche Bundesgesetze gibt.

Welche sind das?

Zum Beispiel das Starke-Familien-Gesetz. Damit sollen Bildungs- und Teilhabepakete entbürokratisiert werden. Das Problem ist aber: Nur 25 Prozent der Menschen wissen überhaupt, dass es das gibt. Das ist entschieden zu wenig. Woran liegt das? Sind wir mitverantwortlich für diese Informationsdefizite? Und wir müssen uns die Bedingungsgefüge ansehen. Wenn viele Risikofaktoren zusammenkommen, wie alleinerziehende Eltern mit drei Kindern in beengten Wohnverhältnissen und der Faktor Migrationshintergrund, dann hat es ein Kind in Berlin schwerer. Ich möchte gerne ein Präventionsversorgungsnetz aufbauen, das die Umstände, wenn sie als schwierig erfahren werden, erleichtern kann.

Hat die Berliner Regierungskoalition nicht bereits eine Menge Angebote eingeführt?

Berlin leistet sich eine ganze Menge - kostenloses Mittagessen, Schülerticket, gebührenfreie Kitas. Das ist sehr gut. Dennoch müssen wir im Blick haben, dass jedes dritte Kind armutsbetroffen ist. Unser Bezirk hat zwar viel Zuzug, aber viele Probleme sind gesellschaftlicher Natur und nicht hausgemacht.

Sind dafür nicht auch jahrelange Versäumnisse verantwortlich? Und wie könnte man dagegen vorgehen?

Ja, wahrscheinlich müssen wir auch harte Indikatoren setzen, zum Beispiel, uns die Schulabbrecherquoten genauer ansehen. Kinder haben oft einen Grund, warum sie nicht zur Schule gehen, wie Mobbing und Diskriminierung. Beides kommt bei Kindern mit Migrationshintergrund häufig vor. Oder wir müssten, statt auf den gesamten Bezirk mit fast 300 000 Menschen, zunächst nur auf einen Stadtteil gucken, auf die sozialen Belastungsgebiete.

Mit welchen Akteuren muss hier enger zusammengearbeitet werden?

Beispielsweise mit den Schulen. Sie sind gesetzlich verpflichtet, sich dem Sozialraum stärker zu öffnen, mit der Jugendhilfe zusammenzuarbeiten. Hier ist ein Umdenken nötig, das lange Wege nehmen wird. Das bedeutet aber auch, dass man das Personal hat, das dauerhaft an dem Thema dran und nicht in zwei Jahren wieder weg ist. Dann sollten sich die Institutionen öffnen, armutssensibel werden. Es reicht nicht, zu sagen: »Man muss alle Kinder unterstützen.« Natürlich muss man das, aber es gibt eben welche, die brauchen mehr Unterstützung, nämlich Kinder, die schlechtere Bedingungen haben.

Warum ist Armut so schwer zu erkennen?

Menschen versuchen einerseits, Armut zu verbergen. Andererseits übersehen manchmal Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter das Potenzial von armen Kindern und Jugendlichen. In Nordrhein-Westfalen gibt es den Job-Coach. Ein Beispiel: Ein Mädchen, das unbedingt Abitur machen und Jura studieren wollte, wurde eins zu eins unterstützt - über zwei, drei Jahre hinweg. Und sie hat es geschafft.

Aber braucht es nicht auch ein Konzept, das nicht nur auf individuelle Fälle anwendbar ist?

Ja, wir brauchen Regelstrukturen. Ein konkretes Projekt sind zum Beispiel Schulgesundheits-Fachkräfte. Diese sollen in der Schule ansprechbar sein im Bereich Gesundheit, Ernährung und Bewegung, zur Entlastung der Eltern und Lehrer. Sie können auch erkennen: Ein Kind hat keine saisongerechte Kleidung an, die Brille ist auch schon schief und kaputt, oder es müsste überhaupt mal eine Brille tragen. Manchmal ist es nur ein Pflaster, das aufgeklebt werden muss, manchmal geht es um therapeutische Maßnahmen. Das sollten wir auf jeden Fall auf den Weg bringen.

Muss man nicht erst einmal sehr große Lücken überbrücken, um mit den Menschen und den Kindern ins Gespräch zu kommen? Gehen nicht viele Probleme auf strukturelle Benachteiligung zurück?

Das ist richtig, wir versuchen es aber jetzt mit diesem großen Prozess. Ich freue mich sehr über die Haltung des Bezirksamtes Lichtenberg, in Sachen Kinderarmut aktiv voranzugehen. Der Bezirksbürgermeister Michael Grunst gibt damit ein ganz klares Statement ab. Das würden wir uns auch von anderen Bezirken wünschen. Wir sind zur Konferenz völlig ausgebucht und wissen jetzt schon, dass wir es im nächsten Jahr noch größer machen werden.

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