Werbung

Jeden dritten Tag muss eine Frau sterben

Deutschland ist für Frauen sehr gefährlich. Was gegen Gewalt und Femizide getan werden kann, zeigt Spanien

  • Von Carmela Negrete und Lotte Laloire
  • Lesedauer: 5 Min.
»Stoppt die männliche Gewalt«, fordern in Spanien regelmäßig Tausende Menschen. Die Massenproteste dürften einer von vielen Gründen sein, dass die Gewalt abgenommen hat.
»Stoppt die männliche Gewalt«, fordern in Spanien regelmäßig Tausende Menschen. Die Massenproteste dürften einer von vielen Gründen sein, dass die Gewalt abgenommen hat.

Kennen Sie die Nummer des Hilfetelefons »Gewalt gegen Frauen«? Das Angebot gibt es schon seit März 2013. Doch wer kann sich diese Zahlenfolge merken: 08000116016. Wer die Nummer parat hat und wählt, erhält anonym und kostenlos Beratung in 18 Sprachen - Frauen, die Gewalt erlebt haben und erleben, sowie Angehörige, Fachkräfte und Polizei. Um das bekannter zu machen, hat das Bundesamt für Familie und Frauen eine Kampagne unter dem Motto »Wir brechen das Schweigen« organisiert, die diesen Freitag beginnt. Bei der »Mitmachaktion« des Ministeriums sollen Menschen sich mit der Hilfe-Nummer ablichten lassen und das Foto in sozialen Netzwerken teilen.

Eine solche Nummer hat auch Spanien eingerichtet, sie ist wohl leichter zu merken: 016. Die Hotline gibt es schon neun Jahre länger als die in Deutschland, sie wird regelmäßig in Funk und Fernsehen, auf Plakaten und Flyern beworben. Die Beratung ist in 52 Sprachen möglich, also mehr als doppelt so vielen wie hier.

Schon seit 1999 erfasst in Spanien das staatliche »Fraueninstitut« und seit 2006 das »Amt für geschlechtsspezifische Gewalt« sämtliche Übergriffe. Dasselbe fordert für Deutschland, wo ein detailliertes Register bislang fehlt, etwa die Linkspartei.

Dabei ist die Zahl der Opfer in der Bundesrepublik deutlich höher als in Spanien, das vielen als Macho-Land gilt. Sie übersteigt hierzulande sowohl islamistische als auch rassistische Gewalt. Jeden dritten Tag tötetet ein (Ex-)Partner eine Frau. Dieses Jahr starben allein bis Anfang November 109 Frauen und 15 Kinder, weitere 44 Frauen wurden teils lebensgefährlich verletzt. Das erfährt man auf der Website onebillionrising.de, die versucht, jeden einzelnen Femizid - also Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist - zu dokumentieren. Offizielle Zahlen stellte im vergangenen Jahr ausnahmsweise das Bundeskriminalamt vor. 2017 wurden demnach 147 Frauen von ihrem jeweiligen (Ex-)Partner getötet. Die Medien griffen diese Zahlen auf, die Gewalt wurde sichtbar und es entzündete sich eine Debatte - auch darüber, warum so lange geschwiegen wurde.

Frauen in Spanien haben dieses Schweigen längst gebrochen. Im Jahr 1999 sendete das öffentliche Fernsehen die preisgekrönte Dokumentation über Gewalt gegen Frauen mit dem Titel »O mía o de nadie«, zu Deutsch: »Entweder sie gehört mir, oder sie gehört niemandem«. Sie prangerte die Unsichtbarkeit von Femiziden an. Asunta, eine Überlebende, erklärte in dem Film, wie sehr »allein man sich fühlt, weil die Gesellschaft das Problem als etwas Intimes und Familiäres betrachtet« statt als Gefahr für die gesamte Gesellschaft.

Das ändert sich nun. So verabschiedete das spanische Parlament schon 2004 ein »Gesetz gegen geschlechtsspezifische Gewalt«. Im Dezember 2017 wurde das Thema sogar offiziell zur »Staatsaufgabe mit hoher Priorität« erklärt. Staat und Zivilgesellschaft einigten sich auf einen »Staatsvertrag gegen geschlechtsspezifische Gewalt«. Demnach sollen auch Betroffene staatliche Hilfe erhalten, die keine Strafanzeige erstatten, zum Beispiel aus Angst. In jedem Rathaus soll eine Beratungsstelle errichtet werden. Für die Maßnahmen sieht der Pakt Haushaltsgelder von bis zu einer Milliarde Euro vor. Dem haben alle Fraktionen im spanischen Parlament zugestimmt. Da lohnt der Hinweis, dass Frauen dort 47,7 Prozent ausmachen, im Bundestag sind nur 31,2 Prozent der Abgeordneten weiblich. Und anders als in Spanien hat die Regierung in Deutschland nicht eine Milliarde gegen Gewalt an Frauen, sondern gerade einmal 120 Millionen Euro für den Ausbau von Frauenhäusern beschlossen. Die Förderung soll ab 2020 vier Jahre laufen.

Doch auch in Spanien spiegeln sich längst nicht alle der im Staatspakt angedachten Maßnahmen in konkreten Gesetzen wider, weil zuletzt andere Themen dominierten: Gerichtsprozesse gegen katalanische Politiker, das Misstrauensvotum gegen Ex-Ministerpräsident Mariano Rajoy und die Wahlen. Erreicht wurde aber schon, dass geschlechtsspezifische Gewalt als Thema auf dem Lehrplan spanischer Schulen steht, mehr Forschung dazu finanziert wird und dass Gesundheitszentren spezielle Protokolle führen, um Situationen, in denen es zu Gewalt kommt, früher zu erkennen.

Dass die Gewalt so viel Aufmerksamkeit erhält, verdanken die Spanier*innen Tausenden lauten Feminist*innen auf der Straße sowie der Zivilgesellschaft - und den Medien: Stirbt eine Frau durch die Gewalt ihres Partners oder Ex-Partners, ist das oft die erste Meldung in der Nachrichtensendung »Telediario« von TVE. Der staatliche Fernsehsender hat eine extra Rubrik sowie eine Webdokumentation eingeführt, in der das Schicksal der rund 1000 Frauen geschildert wird, die seit 1999 ermordet wurden. Auch viele Talkshows widmen sich dem Problem.

Dabei wird das Wort »Femizid« öffentlich zwar seltener verwendet, sehr wohl hingegen der Ausdruck »Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt«. Diese Formulierung schließt trans* Personen mit ein. Verharmlosende Begriffe, wie »häusliche Gewalt«, »Beziehungstat« oder »Eifersuchtsdrama«, wie sie in Deutschland noch immer gebraucht werden, finden in Spanien kaum Anwendung, auch nicht in den Gesetzen. Zu Recht: Sie gehen am Problem vorbei.

Den Terminus »Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt« kritisiert lediglich die faschistoide Partei VOX, die bei der Parlamentswahl gerade erst 15 Prozent ergattert hat. Ihren konservativen Konkurrenten, die das Wort gebrauchen, wirft VOX vor, sie seien »rechte Feiglinge«. Sie trauten sich laut VOX nicht, an den alten Begriffen festzuhalten, und benachteiligten dadurch Männer. Von einer »Benachteiligung« kann jedoch keine Rede sein, da Täter bei häuslicher Gewalt in 90 Prozent der Fälle männlich sind. Dies zeigen Daten der Staatsanwaltschaft, die über neun Jahre gesammelt wurden. Die Opfer sind dagegen meist weiblich, trans*, inter* oder queer*. Zwar zeichnet sich dieses Jahr eine leichte Zunahme der Gewalt ab, doch insgesamt wurden in den letzten Jahren immer weniger Frauen ermordet. So waren es 2012 noch 73, im vergangenen Jahr sank die Zahl auf 48.

Die Organisierung der Frauen, die Aufklärung der Medien und die staatlichen Maßnahmen scheinen zu wirken. Doch sind feministische Errungenschaften immer bedroht, aktuell vor allem durch die Rechtsextremen von VOX. Die wollen das »Gesetz gegen Gewalt« ebenso wie das Recht auf Abtreibung abschaffen und propagieren ein rückständiges Frauenbild.

Damit sich der positive Trend der sinkenden Mordrate fortsetzt, müssten die im Staatsvertrag vereinbarten Maßnahmen vollständig realisiert und noch mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Eine Voraussetzung dafür dürfte sein, dass Spanien wieder vom Dauerwahlkampf zum Politikmachen übergeht.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!