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Opfer der Verhältnisse

Andreas Fritsche bedauert, dass ein alter Knast als Heim diente

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 2 Min.

In der DDR wurde Disziplin großgeschrieben. Ob sie aber in den Schulen durchgesetzt werden konnte, hing von der Persönlichkeit des Lehrers ab. An frechen und aufsässigen Kindern, die Mitschüler verprügelten, Pädagogen ärgerten und den Unterricht störten, mangelte es nicht. Längst nicht alle, aber doch etliche Heimkinder bereiteten Probleme. Die Erzieher hatten es schwer mit ihnen. Das ist kein Wunder. Die Kinder stammten oft aus schlimmen Verhältnissen, wurden beispielsweise von alkoholabhängigen Vätern vernachlässigt und misshandelt. Kein noch so gutes Heim kann ein liebevolles Elternhaus ersetzen.

Klar dürfte aber sein, dass ein altes Gefängnis wie in Bad Freienwalde ohne radikalen Umbau niemals ein gutes Kinderheim sein kann. Es ist für die Unterbringung von Heranwachsenden ungeeignet. Dort dürften sie nicht hineingesteckt werden, egal wie schwer erziehbar sie eventuell waren oder was sie bereits auf dem Kerbholz hatten.

»Ich will niemandem die Schuld geben, nur denjenigen, die das nicht aufarbeiten wollen«, versichert Norda Kraul, die als Jugendliche in dem Heim war. Es geht ihr dabei auch um die Zukunft, darum, dass so etwas nicht wieder geschieht. Und es kann ja wieder passieren, denkt sie mit Blick auf die Heime der Haasenburg GmbH, die 2013 in Verruf gerieten. Warum es Kraul wichtig war, rehabilitiert zu werden? »Einfach nur hier«, sagt sie und zeigt mit beiden Händen Stinkefinger. Sie nahm es als Beweis: »Wir waren kein Lumpenpack.« Die Verletzungen sitzen tief.

Diese Menschen verdienen Mitgefühl, selbst wenn sie vielleicht ungerecht über Erzieher urteilen. Sie bedurften der Fürsorge. Wenn sie über das »kommunistische Unrechtsregime« schimpfen, so wird auch derjenige, der gern in der DDR lebte und sich dankbar an ihre Vorzüge erinnert, in diesem konkreten Fall eine pauschale Einschätzung einmal ohne Zähneknirschen aushalten müssen. Denn die Heimkinder waren Opfer, Opfer der Verhältnisse, in denen sie aufwuchsen - ob man dafür nun den Staat verantwortlich macht, das Elternhaus oder das Schicksal.

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