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Venedigs »natürliche« Katastrophe

Bürgermeister Brugnaro beklagt Klimawandel

  • Von Anna Maldini
  • Lesedauer: 3 Min.

»Die Situation ist äußerst dramatisch. Die Stadt ist am Boden.« Der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, schluchzt vor laufenden Kameras, während er in Gummistiefeln durch seine Stadt watet, die das schlimmste Hochwasser seit 1966 erlebt. Das ganze Ausmaß des Unglücks ist noch nicht abzusehen, aber wieder ist klar: Es handelt sich um eine menschengemachte »Naturkatastrophe«.

Die Flut und ein extrem starker Südwind sind die »natürlichen« Ursachen des Rekordhochwassers. Der Wind drückt die Wassermassen in die Lagune hinein und verhindert, dass sie wieder ablaufen können. Und da sich die Stadt und die vielen kleinen Inselchen rundum praktisch unter dem Meeresspiegel befinden, sind Überschwemmungen programmiert. Das ist seit Jahrhunderten so und abgesehen von den Problemen, die die Holzpfähle, auf denen viele der Bauten lasten, sowieso haben, hielten sich die bleibenden Schäden bisher immer mehr oder weniger in Grenzen.

Um dem vorzubeugen, hatte man sich vor 25 Jahren für eine bewegliche Barriere am Eingang in die Lagune entschieden. Das Bauwerk namens »MOSE« (modulo sperimentale elettromeccanico) kann es in Bezug auf Kostenexplosion und Fertigstellungszeiten fast mit dem BER aufnehmen: Es hat bereits mehr als sieben Milliarden Euro verschlungen und ist immer noch nicht fertig. Nicht nur das: Es ist eine wunderbare Korruptionsmaschine, die schon viele Menschen hinter Gitter gebracht hat. Und niemand weiß, ob das Bauwerk - sollte es denn einmal fertig werden - tatsächlich funktionieren wird.

Aber während man weiter auf das Wunderwerk wartet, haben die Politik und allen voran der jetzt weinende Bürgermeister, alles getan, um die Lage zu verschlimmern. Für alle sichtbar sind die Schäden, die die riesigen Kreuzfahrtschiffe in der Lagune hervorrufen. Sie zwängen sich durch die Kanäle und ankern nur wenige Meter vom Markusplatz und seiner berühmten Basilika entfernt, die heute so schwere Schäden aufweist. Luigi Brugnaro hat das nicht direkt verteidigt, aber die Gefahren heruntergespielt und sie gegen die vermeintlichen Vorteile für den Tourismus in der Stadt aufgewogen. Auch dass immer mehr Venezianer ihre Heimat verlassen, weil sich kaum noch jemand leisten kann, dort zu leben, hat ihn bisher kalt gelassen: Hauptsache die Kassen klingeln.

Der Unternehmer Brugnaro, der auch im Arbeitgeberverband Confindustria wichtige Ämter innehatte und 2015 als unabhängiger Kandidat mit Unterstützung des rechten und ultrarechten Parteienspektrums zum Bürgermeister gewählt wurde, hat immer erklärt, er wolle sich in seiner Amtszeit an der »Ethik des Sports« orientieren, zumal ihm auch die Basketballmannschaft von Venedig gehört. Tatsächlich aber hat er sich vor allem für große Unternehmen in seiner Stadt eingesetzt. Auch Bauspekulation ist ihm nicht fremd.

Jetzt, angesichts der Hochwasserkatastrophe, vergießt Brugnaro bittere Tränen und klagt den allgemeinen Klimawandel an. Dass seine Politik vielleicht auch ihren Teil dazu beigetragen hat, kommt ihm nicht in den Sinn.

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