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Evo Morales ruft aus Mexiko zum Dialog auf

Begleitet von Straßenprotesten, nominiert Boliviens Übergangspräsidentin Jeanine Áñez ihre Regierung

  • Von Martin Ling
  • Lesedauer: 2 Min.
Evo Morales, Ex-Präsident von Bolivien, meldet sich aus dem Exil in Mexiko zu Wort
Evo Morales, Ex-Präsident von Bolivien, meldet sich aus dem Exil in Mexiko zu Wort

Die Bilder in der über La Paz gelegenen, indigen geprägten Stadt El Alto gleichen sich seit Tagen. Dort, auf über 4000 Metern, wo Evo Morales bei den umstrittenen Wahlen vom 20. Oktober unbestritten über 50 Prozent der Stimmen erhalten hat, gehen seine Anhänger und Anhängerinnen Tag für Tag auf die Straße. Und Tag für Tag sehen sich die Demonstrant*innen mit Sicherheitskräften konfrontiert, die mit Schusswaffen und Tränengas die Proteste zerstreuen und dabei Tote billigend in Kauf nehmen.

El Alto ist nur ein Brennpunkt. Aus Protest gegen die Machtübernahme der selbsternannten Übergangspräsidentin Jeanine Áñez gingen am Mittwoch in mehreren Städten Boliviens Menschen auf die Straße. In La Paz setzte die Polizei Tränengas gegen Hunderte Demonstranten ein, die nur wenige hundert Meter vom Präsidialpalast entfernt Steine auf Polizisten warfen.

Nahe der Stadt Santa Cruz im bolivianischen Tiefland im Osten, wo Evo Morales’ schärfste Gegner zu Hause sind, wurde bei Zusammenstößen zwischen Morales-Anhängern und der Polizei ein 20-Jähriger nach Angaben eines Arztes durch einen Kopfschuss getötet. Damit erhöhte sich die Zahl der Todesopfer seit Beginn der Massenproteste gegen Morales auf zehn. Mehr als 400 Menschen wurden verletzt.

Evo Morales gibt sich derweil in seinem mexikanischen Exil nicht geschlagen. Die Regierung dort habe sein Leben gerettet. In Bolivien seien sein Haus geplündert und seine Familie bedroht worden. Solange er am Leben sei, gehe der Kampf weiter, ergänzte Morales. Per Kurznachrichtendienst Twitter wandte er sich an internationale Organisationen wie die UNO, befreundete europäische Länder und die katholische Kirche mit ihrem aus Argentinien stammenden Papst Franziskus. Sie sollten sich für einen nationalen Dialog zur Befriedung in Bolivien einsetzen und ihn begleiten. »Die Gewalt bedroht das Leben und den sozialen Frieden«, schließt Morales.

Auch der renommierte uruguayische Publizist Raúl Zibechi, der Morales’ Bewegung zum Sozialismus Wahlbetrug vorwarf, mahnt nun auf Twitter. »Wir dürfen nicht vergessen, dass in diesem Moment die ernste Gefahr besteht, dass es der rassistischen, kolonialen und patriarchalischen Rechten gelingt, diese Situation zu nutzen, um Herrschaft durchzusetzen und ein Blutbad zu provozieren.«

Áñez hat inzwischen die ersten Mitglieder ihrer Regierung nominiert. Die 52-Jährige, die von den USA und anderen Ländern offiziell anerkannt wurde, vergab mehrere Schlüsselposten in ihrem Kabinett und ernannte unter anderem eine neue Außenministerin.

Áñez erneuerte am Mittwoch ihr Versprechen, so früh wie möglich Neuwahlen anzusetzen. Laut bolivianischer Verfassung hat sie dafür 90 Tage Zeit. mit Agenturen

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