In Zeiten von Twitter, Instagram und Co. kann heute jede*r schreiben. Die Frage ist eher: Wer wird von einer breiten Masse gelesen?
Repräsentation

Wer darf Literatur?

Schreiben, Veröffentlichen und Selbstermächtigung.

Von Yasemin Altınay

Die Zeit des weißen, heterosexuellen cis-Mannes ist vorbei. Online auf Instagram, Twitter & Co. kann heute jede*r schreiben, die*der möchte. Es ist absolut kein Pro᠆blem, einen Verlag zu finden, der die eigene Literatur veröffentlicht. Und das gilt für alle, da wir vor dem Gesetz gleich sind. Oder?

Die Frage ist nicht, wer schreiben kann und darf, sondern eher: Wer wird von einer breiten Masse gelesen? Wie viel Resonanz erhält der jeweilige Text? Mit welchen Themen wird der*die Autor*in verlegt? Ist die breite Mehrheitsgesellschaft bereit für Menschen, die sich unbequemeren Themen wie Kolonialgeschichte, Antirassismus, Intersektionaler Feminismus widmen?

Der Inhalt eines Textes muss natürlich nicht abhängig sein von der Sozialisierung des oder der Schreibenden. Aber es gibt weiterhin thematische Trends, die sich besser oder schlechter verkaufen. Dazu gehört es dann wahrscheinlich auch, dass von einem oder einer Geflüchteten erwartet wird, er oder sie würde nur über die eigene Fluchterfahrung schreiben. Dabei gibt es unendliche Möglichkeiten, worüber geschrieben werden kann. Der Hintergrund der aktuellen Debatte, wer Literatur »machen darf«, kann also vielseitig betrachtet werden.

Als Gymnasiastin dachte ich immer, ich könne niemals Schriftstellerin werden, weil ich mich nicht wie Goethe oder Schiller ausdrücke oder es eben auch nicht möchte. Dazu kam mit den Jahren die Wahrnehmung, dass meine Texte auf einem deutschen Markt nicht gehört werden oder ich keine Chance habe, dort Fuß zu fassen. Ganz »deutsch« wird die von mir verfasste Literatur aufgrund meines »Migrationshintergrundes« offenbar sowieso nie sein.

Mit diesem Gefühl war oder bin ich natürlich nicht allein. Sicher, es liegt ein Umschwung in der Luft: Margarete Stokowski, Alice Hasters oder Tupoka Ogette verkaufen sich gut. Doch es bleiben weiterhin viele LGBTIQ+ (LesbischSchwulBiTrans*Inter* Queer+) und BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) ungehört, weil sie keinen Verlag finden. Sie arbeiten oft unter- oder unbezahlt, damit sie in der Gesellschaft überhaupt gehört werden. Und es sind vor allem die großen Verlage, die lange im Geschäft sind, die sich von ihren traditionellen Arbeits- und Denkweisen nicht lösen wollen.

Auf Instagram ist die Veränderung deutlicher zu sehen: Junge Menschen schreiben über ihre Erfahrungen und Gefühle - und das kommt beim Publikum nachweislich gut an. Es bilden sich neue Communitys, man verknüpft sich schneller, kann gemeinsam Projekte starten und sich gegenseitig stärken. Lyriker*innen, die ihre Gedichte zuerst über Instagram publizieren, werden mittlerweile von Verlagen veröffentlicht. Lyrik, die online geteilt wird, ist längst Teil des Marketings - und entwickelt sich zum klassischen Printprodukt. Denn auch Instagrammer*innen gehen letztendlich den traditionellen Weg der Veröffentlichung über einen Verlag und erhalten somit viel Aufmerksamkeit.

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hörte ich bei einer Podiumsdiskussion zu; das Thema war: Anthologien, in denen Menschen über Rassismus- und Diskriminierungserfahrung schreiben. Ich war nicht verwundert, als der einzige weiße Herr der Runde seine Meinung kundgab: Diese Menschen sollten doch aufhören zu jammern und stattdessen etwas tun. Ein klassisches Beispiel von Ignoranz und Abwehrhaltung gegenüber Leuten, die über ihr Innenleben schreiben und dies der Welt mitteilen. Das ist kein Jammern. Ganz im Gegenteil: Ich gehe davon aus, dass viele sich mit diesen Erfahrungen identifizieren können und ihnen damit vielleicht geholfen wird.

Einen derart positiven Effekt sehe ich vor allem auch bei Podcasts, die vielfach gehört werden und sehr herzliches Feedback erhalten, zum Beispiel der neue »Tupodcast« von Tupoka Ogette. Über eigene Erfahrungen zu schreiben oder zu reden, zeugt von immenser Stärke. Genauso beeindruckend ist es auch, sich auf diese Texte einzulassen und darüber nachzudenken.

Zuerst wollte ich diesem Artikel den Titel »Literatur. Aus- und Abgrenzung« geben, aber vielmehr geht es mir um Empowerment im Literaturbetrieb. Ich fordere den Literaturmarkt auf, allen Stimmen den berechtigten Raum und die verdiente Aufmerksamkeit zu geben. Gerade Stimmen von LGBTIQ+ und BIPoC, die bisher nicht genug gehört werden und denen oftmals die Bühne fehlt, Literatur auch mitbestimmend zu kritisieren. Sie müssen vertreten sein in den Jurys für Literaturpreise. Diversität sollte zur Norm werden. Es muss Schluss damit sein, dass weiße Menschen über LGBTIQ+ und BIPoC reden; viel wichtiger ist es, ihnen zuzuhören und sie zu verlegen. Und dazu gehört auch die finanzielle Förderung jener, die es sich in diesem System einfach nicht leisten können, nur Schrifsteller*in zu sein. Gerade in Zeiten des Rechtsrucks.

Selbstermächtigung ist dabei ein wichtiges Wort: Damit ist die Energie verbunden, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, trotz der Diskriminierung und des Rassismus, die den Alltag prägen. Instagram ist gerade deswegen eine wichtige Plattform: Hier sind unglaublich viele LGBTIQ+ und BIPoC unterwegs, die sich austauschen, gegenseitig bestärken und sogar ihre Angst vor Rechtsradikalen offen äußern. Wer traut sich schon, sich öffentlich für eine tolerante Gesellschaft zu positionieren, wenn rechte Gewalt jede*n treffen kann? Ich zitiere eine Instagrammerin: »Gedanken über ein Wohin und ein Wann-ist-der-Punkt-erreicht sind real. Sie werden von Wahlergebnis zu Wahlergebnis, begleitet von Rechtsterrorismus und Nazi-Aufmärschen, konkreter. Ich kann es nicht mehr sehen, nicht mehr hören, nicht mehr lesen. ›Besorgte Bürger‹ bitte ernst nehmen, aber unsere Ängste? Unsere Ängste sind unsichtbar.«

Mir wurde gesagt, mein Magazin »Literarische Diverse« wäre zu politisch, ich solle es lieber sein lassen und an meine Sicherheit denken. Aber ich werde nicht schweigen und weiter einstehen für mehr Vielfalt in der Literaturszene. Ein radikaler, struktureller Umbruch ist das Ziel. Für selbstverständliche Werte wie Empathie, Toleranz und Solidarität.

Yasemin Altınay lebt in Berlin, ist Verlagskauffrau, Masterstudentin der Angewandten Literaturwissenschaft und Gründerin des Magazins »Literarische Diverse« im gleichnamigen Verlag. www.literarischediverse.de - @literarischediverse