Sowjetischer Kriegsgefangene

Ein überfälliger Schritt

Geschichtsaufarbeitung geschieht nicht nur in Archiven, sondern erfordert Handeln, sagt Felix Jaitner

Von Felix Jaitner

Deutschland und Russland haben vereinbart, mit einem großen Archivprojekt die Schicksale Hunderttausender Kriegsgefangener zu klären. Im Vordergrund sollen vor allem die sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland stehen. Das ist auch bitter nötig: Denn während der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes schon Hunderttausende Schicksale deutscher Wehrmachtsoldaten in der Sowjetunion geklärt hat und weiter klärt, steht das bei annähernd zwei Millionen Rotarmisten noch aus.

Die Tatsache, dass es vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Gründung des Archivprojekts fast 75 Jahre gebraucht hat, verrät viel über die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt steht die barbarische Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und den besetzten Gebieten. Der »Versklavungs- und Vernichtungskrieg« im Osten - speziell in der Sowjetunion - spielt dagegen bis heute im bundesdeutschen Bewusstsein nur eine untergeordnete Rolle. Dabei ist er für das Verständnis des Nationalsozialismus essenziell. Denn zu dessen Zielen gehörte die physische Auslöschung der »jüdisch-bolschewistischen« Elite, die Eroberung von »Lebensraum für das Deutsche Reich« und die Unterwerfung und Dezimierung der slawischen Bevölkerung. Das Archivprojekt ist also ein längst überfälliger Schritt. Doch sollte es nicht auf Archive und Historiker*innen beschränkt bleiben. Denn nur wenn Geschichtsaufarbeitung durch die Bevölkerung gelebt wird, wird auch zukünftig weiter gelten: »Nie wieder Faschismus!«