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Die Leiden der Fachleute

Wie im Fußball, so auf Erden: Christoph Ruf über den Vorteil des unbefangenen Blicks

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Schauspieler Matthias Brandt steht beim Interview im Weserstadion in Bremen.
Schauspieler Matthias Brandt steht beim Interview im Weserstadion in Bremen.

Vergangene Woche gab es in Freiburg eine Veranstaltung, die den Schauspieler und Autoren Matthias Brandt mit dem Fußballtrainer Christian Streich zusammenführte. Brandt ist manchem als Kanzlersohn und anderen als »Polizeiruf 110«-Kommissar bekannt. Wiederum andere haben seine beiden Bücher »Raumpatrouille« und »Black Bird« gelesen. So oder so: Es war an diesem Abend Brandt und nicht Streich, der eine regelrechte Liebeserklärung an den Fußball abgab. Der sei für ihn nämlich das Mittel, um aus seinem eigenen Kopf herauszukommen, um sich selbst abzuschalten und ganz im Hier und Jetzt zu sein. »Man hat das Gefühl, es gibt keine Welt mehr drumherum«, sagte er. »Deshalb liebt man ja Flutlichtspiele so sehr.«

Vielleicht ist es ja gar kein Zufall, dass jemand, der beruflich eine gehörige Distanz zum Fußball hat, noch so schwärmen kann. Wer so ganz als Faszinierter Fußball schauen kann, kann sich vielleicht letztlich sogar intensiver darauf einlassen. Er muss keine taktischen Umstellungen oder Einwechslungen durchdenken oder vornehmen, er muss nicht darüber schreiben. Nicht erklären, warum Mannschaft A und eben nicht Mannschaft B gewonnen hat. Er kann einfach nur konzentriert zuschauen.

Christian Streich gab am gleichen Abend zu, dass er selbst nicht mehr so unbefangen Fußball schauen kann. Nicht mal am Mittwochabend, wenn er sich mal ein Champions-League-Spiel im Fernsehen anschaut. Selbst dann hinterfragt er die Aufstellung des Kollegen, versucht zu verstehen, warum diese taktische Grundordnung gewählt wurde und nicht jene. Es gelingt ihm also nicht, das Spiel einfach so auf sich wirken zu lassen wie Brandt das kann. Die Beobachtung, die die beiden schilderten, war mir nicht neu. Vor über zwei Jahrzehnten ging es mir ähnlich. Nur, dass das nichts mit dem Fußballerlebnis zu tun hat. Sondern mit etwas ungleich Wichtigerem: dem Lesen selbst. Als Schüler, zumal als Schüler in einer Kleinstadt, hatte man damals eigentlich enorm viel Zeit. Auch Lesezeit. Und wie man mit seinen zwei, drei besten Freunden über die Partys, die jeweiligen Freundinnen oder das Wetter sprach, sprach man auch, wenn sich das ergab, über das, was man so las. Unbefangen und zu 100 Prozent subjektiv.

Bis einer von uns auf die Idee kam, an einer nahe gelegenen Universität Germanistik zu studieren. Bei ihm wurde Lesen zum Studieninhalt, jede Woche kam mehr Rüstzeug dazu, um zu sezieren, zu analysieren, Dinge, die wir früher unbeholfen beschrieben hatten, mit einem adäquaten Fachbegriff zu bannen. Allmählich änderten sich dadurch auch unsere Gespräche. Fachbegriffe schlichen sich ein, Reimschemata wurden seziert, der Germanist warf die Frage auf, welcher Autor denjenigen, den wir gerade lasen, beeinflusst haben mochte. Was uns mit 20 Jahren völlig wumpe war. Einer hatte einen fachlichen, einen sezierenden Blick auf die Buchseiten angenommen, wir anderen lasen weiter einfach so drauflos. Durch die Universität wurde uns Woche für Woche mehr die Gesprächsgrundlage entzogen. Kurz darauf sprachen wir im Freundeskreis kaum noch über Bücher. Ich glaube, diese Erfahrung lässt sich verallgemeinern. Je mehr man über etwas weiß, desto mehr wird es entzaubert.

Und nun zu etwas völlig anderem: dem banalen Fußball, dem, der jede Woche irgendwo gespielt und inszeniert wird - selbst wenn die Bundesliga offiziell »spielfrei« meldet. Die Nationalmannschaft ist es gerade nicht, die die Massen in ihren Bann zieht. 33 000 Zuschauer kamen am Samstag nach Mönchengladbach; wenn die ortsansässige Borussia bei einem Heimspiel gegen Augsburg mal so wenige Zuschauer hätte, käme die Vereinsführung aus den Krisensitzungen nicht mehr heraus. Ansonsten war da noch der (angeblich) endgültige Abschied von Uli Hoeneß als Bayern-Boss. Der Mann, das wurde auch in vielen journalistischen Würdigungen deutlich, erfüllt offenbar gleich zwei tiefsitzende deutsche Bedürfnisse. Erstens eines nach Autorität und Führung. Und zweitens eines nach Barmherzigkeit. Hoeneß, der aufgeklärte Monarch, soll ja in Not geratenen Angestellten, Vereinen oder Ex-Spielern immer wieder geholfen haben. Mit Hoeneß oder dem deutschen Kick gegen Belarus habe ich mich in den letzten Tagen allerdings nicht beschäftigt, der Fernseher blieb aus. Ich habe mir stattdessen ein Buch geschnappt. Noch heute bin ich heilfroh, dass ich nicht Germanistik studiert habe. Ich lese nämlich immer noch sehr gerne.

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