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Grothsfelde an der Weide

Berliner Baulöwe will umweltgerechte Siedlung für 6000 Menschen bauen

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.
Das Projekt Neulichterfelde grenzt westlich an die Bahn und nördlich an die Thermometersiedlung. Visualisierung: Groth-Gruppe
Das Projekt Neulichterfelde grenzt westlich an die Bahn und nördlich an die Thermometersiedlung. Visualisierung: Groth-Gruppe

Es ist ein Projekt der Superlative. 6000 Menschen sollen in einigen Jahren unweit des S-Bahnhofs Lichterfelde Süd, direkt am Berliner Stadtrand wohnen. Dafür sollen rund 1540 Miet- und Eigentumswohnungen, etwa 420 Reihenhäuser sowie knapp 540 Sozialwohnungen errichtet werden. Neulichterfelde nennt der Bauunternehmer Klaus Groth sein Vorhaben auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz der US-Armee.

Ein »Zukunftsquartier« soll es werden, dementsprechend hat Groth sich für die Pressekonferenz am Dienstag in der Industrie- und Handelskammer (IHK) auch gleich einen Zukunftsforscher eingeladen, der zunächst einige generelle Worte zum Vorhaben im Kontext der Wohn- und Verkehrswende verliert. »Ich bin ganz begeistert von dem Projekt«, sagt Stephan Rammler, der wissenschaftlicher Direktor des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) ist. »Ökologie, Ökonomie, Klima und Umwelt sollen dort in Einklang gebracht werden.«

Die Kreditbank des Automobilkonzerns Toyota soll mit ihrem Mobilitätskonzept für die Reduktion des konventionellen Autoverkehrs sorgen, der Öko-Energieversorger Naturstrom eine klimaneutrale Wärme- und Stromversorgung realisieren, der gemeinnützige Träger Goldnetz gGmbH das »Community-Bewusstsein« organisieren. Alles vom Carsharing-Auto bis zur Wohnungstür soll mit Schlüsselkarte und einer Handy-App zugänglich sein. Die Frage, ob das eine Utopie oder Dystopie ist, dürfte für einigen Streit sorgen.

Selbst der Umweltverband BUND Berlin ist bei dem Pressetermin vor Ort. In »langen Diskussionen und langen Gesprächen« habe man den Schutz eines Großteils der Lichterfelder Weidelandschaft durchsetzen können, berichtet Landesvorstand Andreas Faensen-Thiebes. Von dem 97 Hektar großen Areal wird nur etwas mehr als ein Drittel bebaut.

»Wir sind sehr stolz im Bezirk, dass wir das gemeinsam mit der Groth-Gruppe und den Partnern umsetzen können«, sagt die Steglitz-Zehlendorfer Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU). Von dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager aus der Nazizeit sollen nur Teile erhalten bleiben. Am »authentischen Ort«, am Landweg im Nordosten der Fläche soll eine Baracke, in der Kriegsgefangene untergebracht waren, stehen bleiben. An der Bahnstrecke soll laut Bürgermeisterin eine weitere Baracke als Jugendtreff in das künftige Schulgelände integriert werden. »Durch die Diskussion werden Bebauung und Zeitplan nicht unterbrochen«, versichert Richter-Kotowski.

Der Enthusiasmus von Klaus Groth für sein Projekt ist nachzuvollziehen. Immerhin soll er das Gelände dem Vernehmen nach im Jahr 2012 für zehn Millionen Euro gekauft haben - ein Schnäppchenpreis von weniger als zehn Euro pro Quadratmeter. Das Land Berlin zog sein Vorkaufsrecht für die einstige Eisenbahnliegenschaft nicht. Eine halbe Million Euro pro Reihenhaus und zehn bis zwölf Euro Kaltmiete pro Quadratmeter in den Wohnungen, mit diesen Einnahmen kalkuliert Groth derzeit.

»Wir haben schon damals den Bau von 1600 preisgünstigen Genossenschaftswohnungen auf dem Areal gefordert, die könnten längst stehen«, sagt Helmut Schmidt vom Aktionsbündnis Landschaftspark Lichterfelde Süd. »Jetzt bezeichnet man uns immer als Wutbürger, obwohl es heute dreimal so viele bezahlbare Wohnungen geben könnte«, so Schmidt. Bezeichnend ist auch die Unterzeichnung des städtebaulichen Vertrags zwischen Bezirk und Investor am 31. Juli 2018. Es war der letzte Tag, bevor laut dem Berliner Modell die Sozialwohnungsquote von 25 auf 30 Prozent heraufgesetzt worden ist.

Den Schulstandort direkt an einer viergleisigen Bahnstrecke ohne Lärmschutz kann Schmidt nicht nachvollziehen. »Wir haben uns absichtlich für die Nähe zum Stadtplatz und zur S-Bahn entschieden, damit Eltern auf dem Weg zur S-Bahn ihre Kinder auf dem Weg zur Schule begleiten können«, sagt die Bezirksbürgermeisterin. Eine Studie über die Lärmbelastung der Schule erstellt die für den Bau verantwortliche Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gerade erst.

Bezirk und Investor sind überzeugt, dass der Bebauungsplan Mitte 2020 rechtskräftig wird und im Frühjahr 2021 mit dem Bau begonnen werden kann.

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