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Bittere Erfahrungen

In Deutschland werden trans Personen systematisch bevormundet und diskriminiert, meint Sanya Westendorf

  • Von Sanya Westendorf
  • Lesedauer: 4 Min.
trans Personen: Bittere Erfahrungen

»Ja, das hat er - äh, sie, sorry - gesagt.« Kurze Irritation bei der Sprecherin dieses Satzes, dann redet sie weiter. Die Person, um die es geht, bricht innerlich zusammen und kann nur mit Mühe die Tränen unterdrücken, verlässt schnell den Raum. Sie, eine junge Frau Mitte zwanzig, wurde gerade »er« genannt. Ein Fehler, der vielleicht ungewöhnlich, aber eigentlich nicht schlimm ist. Oder? Das wäre es vermutlich, wäre die Frau keine trans Person. Doch sie weiß, dass es sich hierbei nicht einfach um ein Versehen handelt, dass die Sprecherin nicht unbeabsichtigt die Worte verwechselt hat. Das Verhalten geht tiefer. Es hat Struktur.

Eine Person mit dem falschen Pronomen oder Geschlecht zu bezeichnen, heißt »misgendern«. Und trans Personen wird dies besonders häufig angetan. Entweder aus Unwissenheit oder aus Feindseligkeit. So oder so, »Misgendering« ist eine Form von transfeindlicher Gewalt, die für Betroffene meist sehr schmerzhaft ist.

Dem zugrunde liegt eine falsche Wahrnehmung, die cis Personen von trans Personen haben. Cis Personen sind Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. Sie gehen oft davon aus, dass das Geschlecht einer Person eindeutig und unveränderbar spätestens bei der Geburt festgestellt werden könne - und zwar per Blick zwischen die Beine des neugeborenen Kindes. Weiter wird davon ausgegangen, dass mit den Genitalien eines Menschen eindeutig bestimmte Chromosomen, Gonaden, Organe und Hormonlevel verbunden seien, die sich in zwei Einheiten gliedern ließen. Dieses Paket an Annahmen wird als »Biologismus« bezeichnet. Die moderne Biologie weiß längst, dass »Geschlechtsmerkmale« ein Spektrum bilden, in verschiedenen Kombinationen auftreten und sich nicht in zwei Schubladen sortieren lassen. Und auch trans Personen widerlegen durch ihre Existenz die Annahme, dass beispielsweise ein Neugeborenes, dessen Genital als »Penis« bezeichnet wird, immer zu einem »Mann« wird. Doch davon lassen sich nur wenige im Alltag behelligen.

Sanya Westendorf engagiert sich als Trans-Frau in queer-feministischen Zusammenhängen.
Sanya Westendorf engagiert sich als Trans-Frau in queer-feministischen Zusammenhängen.

Selbst steigende Wahrnehmbarkeit von trans Personen im öffentlichen Leben führt bisher leider nicht dazu, dass eine nennenswerte Anzahl an Menschen ihr falsches »Wissen« über Geschlecht über Bord wirft.

Solange weiter an dieser Annahme festgehalten wird, solange die Geschlechter von trans Personen als »unecht« oder »nur gefühlt« gelten, können sie nicht frei in der Gesellschaft leben. Denn die Gefahr, geoutet und somit als falsch, täuschend oder krank wahrgenommen zu werden, ist omnipräsent. Das vermeintlich Harmloseste, was daraus folgt, mag ein irritierter Blick sein. Oft bleibt es aber nicht dabei. Beleidigungen, intime Fragen von Fremden, Aufdringlichkeit bis hin zu Morddrohungen und körperliche Angriffe gehören für viele Trans Personen zum Alltag. Besonders an die durch diese Gewalt Getöteten soll am heutigen »Transgender Day of Remembrance« (Erinnerungstag) erinnert werden.

Trans Personen müssen eine Vielzahl an Bevormundungen, Anträgen, Gutachten und Gerichtsverfahren über sich ergehen lassen, nur um notwendige medizinische Versorgung zu erhalten (etwa Hormonpräparate oder Operationen) und juristische und bürokratische Fehlzuschreibungen zu korrigieren. Das ist nicht nur diskriminierend, sondern zum Teil auch sehr teuer. Dem medizinischen Personal fehlt darüber hinaus oft das Wissen, wie sie trans Personen richtig behandeln können. Denn trans Körper gelten als Abweichung, als Ausnahme - und damit als nicht so wichtig, als dass über sie zu lernen vonnöten wäre.

Trotz dieser eklatanten Benachteiligungen gaben in einer Umfrage im Mai dieses Jahres nur 31 Prozent der Befragten in Deutschland an, Transfeindlichkeit sei hierzulande verbreitet, während gleichzeitig mindestens 41 Prozent der Befragten ein Problem damit hätten, wenn ihr Kind in einer romantischen Beziehung mit einer Trans-Person wäre. Offensichtlich erkennen viele Menschen (ihre eigene) Transfeindlichkeit nicht.

Für uns als Gesellschaft bedeutet das, dass wir uns kritisch mit unseren gewohnten Denkmustern auseinandersetzen müssen. Es bedeutet, trans Personen nicht nur als absurde Pointen von schlechten Witzen zu sehen, sondern reale Menschen zu erkennen, die so viel mehr sind als nur trans Personen, denen aber aufgrund der gesellschaftlichen Normen von Geschlecht viel Leid, Ausgrenzung und Gewalt angetan wird.

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