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Muss das wirklich weg?

Der Cottbusser Architekt Martin Maleschka dokumentiert und bewahrt DDR-Moderne

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 6 Min.
Martin Maleschka: In der European School of Management and Technology Berlin (früher Staatsratsgebäude der DDR), 2016
Martin Maleschka: In der European School of Management and Technology Berlin (früher Staatsratsgebäude der DDR), 2016

Nur schwarz!», ruft Martin Maleschka bei seiner Bestellung im Café der Mitarbeiterin noch hinterher. Nicht dass er zum Kaffee noch irgendwelchen Firlefanz bekommt. Maleschka macht kein langes Federlesen. In seiner direkten Art ist der große Mann mit dem dunklen Bart schnell per Du und sofort ins Gespräch vertieft. Denn zu erzählen gibt es genug. Gerade ist er von Cottbus mit dem Zug nach Berlin gekommen. Unter anderem erwartet ihn ein Streitgespräch der «Berliner Zeitung» mit Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Abends will er nach Potsdam zur Premiere des Dokumentarfilms «Schrott oder Chance - ein Bauwerk spaltet Potsdam» über die abgerissene Fachhochschule in der Innenstadt.

Der 37-jährige Architekt ist gefragt, wenn es um Ostmoderne geht. Und darum geht es derzeit sehr häufig - auch bei Stadtplanungsfragen. Schon seit 15 Jahren fotografiert Maleschka Kunst am Bau und hat vieles festgehalten, was inzwischen verschwunden ist. Ob Mosaike, Wandbilder, Reliefs oder Betongüsse: Maleschka war während seines Studiums an der BTU Cottbus häufig nicht im Hörsaal zu finden, sondern bereiste mit seiner Kamera die östlichen Bundesländer. «Viele sagen, dass man in meinen Fotos die Leidenschaft zu den Gebäuden sieht», sagt er selbst. Einblicke in seine Arbeit gibt das 2019 erschienene Buch «Baubezogene Kunst. DDR: Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990».

Maleschka, beim Mauerfall sieben Jahre alt, begeistert sich für die Kunst aus einer Zeit, die er nur als Kind erlebt hat. «Das rührt auch daher, dass ich selbst mal Graffiti gesprüht habe, also ›Kunst am Bau‹ gemacht habe», erzählt er. Nachdem er wegen des Sprayens eine Nacht in einer Haftzelle verbringen musste, entschied er sich, sich fortan aufs Fotografieren zu beschränken.

Wie sieht die Stadt 2051 aus? Der Architekt Martin Maleschka in Eisenhüttenstadt, 2019
Wie sieht die Stadt 2051 aus? Der Architekt Martin Maleschka in Eisenhüttenstadt, 2019

Aufgewachsen ist Maleschka in der sozialistischen Planstadt Eisenhüttenstadt. Der Wohnkomplex, in dem er als kleines Kind mit seiner Familie lebte, wurde in den 2000ern abgerissen. «Im Studium habe ich neue Gebäude geplant, aber gleichzeitig wurden Teile von meiner Heimat entfernt», erzählt Maleschka. Er habe sich dann gefragt, ob man die Bauten nicht umnutzen könne. Die Frage «Muss das wirklich weg?» treibt ihn seitdem um.

Oftmals kommt er zu spät. «Von manchen Gebäuden hast du dann nur noch Trümmerhaufen oder eine grüne Wiese gesehen», sagt er. In den 90ern sei er noch zu jung gewesen, um zu begreifen, dass Kunst aus der DDR einen Wert haben kann. Anscheinend war das ganze wiedervereinte Deutschland zu jung, um das zu begreifen. Inzwischen ist das anders. Auch Museen aus dem Westen fragen bei ihm an, erzählt Maleschka. «Der Hype um die DDR-Kunst ist größer denn je.» Derzeit widmet sich beispielsweise der Kunstpalast in Düsseldorf in einer großen Sonderausstellung der Kunst aus dem Osten.

Während einerseits gesammelt und ausgestellt wird, müssen anderswo Mosaike weichen, weil ein Parkplatz gebaut wird. Und wenn ganze Wohnblocks leer stehen, scheint ein Abriss unvermeidlich. «Es gibt immer ein Für und Wider. Ich bin da bei ganz vielen Sachen gespaltener Meinung», sagt Maleschka.

Ein prominentes Beispiel für Stadtumbau ist die Potsdamer Innenstadt. Die 2018 abgerissene ehemalige Fachhochschule hätte auch umgenutzt werden können, sagt Maleschka. Zum Beispiel als «Haus für alle», in dem sich Vereine und Künstler*innen treffen können. Potsdam sei natürlich ein Sonderbeispiel, weil man sich Anfang der 90er Jahre auf die Rekonstruktion der historischen Mitte festgelegt habe, sagt der Architekt. «Aber man fragt sich schon: Was nach der Wende entschieden wurde - ist das heute noch zeitgemäß?»

Eine Tasse Kaffee reicht nicht, um von allen Projekten zu berichten, die Maleschka umtreiben. Sein aktuellstes ist eine kleine Schau in der Zweigstelle Satellit der Architektur-Galerie Berlin, die am Donnerstag um 19 Uhr eröffnet wird. Unter dem Titel «Aus der Schatzkammer» wird Maleschka zwei Objekte gegenüberstellen. Aus seiner eigenen Schatzkammer stammen Elemente eines Stableuchtensystems des Formgestalters Peter Rockel, bekannt aus dem Palast der Republik. Diese Lampen werden bis kurz vor Weihnachten abends auf der Karl-Marx-Allee leuchten, erzählt Maleschka. Anlässlich des Mauerfall-Jubiläums sei die Idee gewesen, mit den Lichtern einen Hauch vom Palast der Republik in die Galerie zu holen. Nun kommt noch ein Hauch Palast-Galerie dazu, denn Maleschka kombiniert die Installation mit Teilen eines Wandbildes von Willi Sitte. «Es zeigt unter anderem einen scheinbar energiegeladenen Marx, der eine Flamme in seiner rechten Hand zerquetscht», erzählt Maleschka. Dieses Bild stammt aus der SED-Parteischule in Berlin und lagert nun im Kunstarchiv Beeskow.

Für das Archiv im Brandenburger Landkreis Oder-Spree, das 17 000 Werke der bildenden Künste der DDR beherbergt, begleitet Maleschka derzeit das Projekt «Alle in die Kunst». Das Archiv hat Laien dazu aufgerufen, sich als Kurator*innen zu bewerben. Zwölf jüngere und ältere Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen werden Anfang 2020 ein Wochenende lang in den Tiefen des Archivs stöbern können. Aus Tafelbildern, Malereien, Büsten, Grafiken, Fotografien oder Wandteppichen dürfen sie wählen - je nachdem, was sie anspricht und was sie ausstellen wollen. Seit Frühjahr dieses Jahres hat das Kunstarchiv ein neues Depot, in dem die Werke besser zugänglich sind. «Ein Archiv bringt nichts, wenn du alles selbst hortest und es nicht öffentlich zugänglich machst», betont Maleschka. Deswegen freue er sich, Lampen aus seinem eigenen Archiv ausstellen zu können. Eigentlich sollten baubezogene Kunstwerke von offiziellen Institutionen gesammelt werden, statt in Privatbesitz zu landen, findet er.

Viele Arbeiten schlummerten noch in alten Hotels oder FDGB-Ferienheimen in den Wäldern Thüringens und Sachsens. «Wenn ich in der Gegend herumstrolche und Gebäude dokumentiere, entdecke ich auch heute noch Kunst oder Reste von Kunst», erzählt er. Wenn er Jahre später wieder vorbeikomme, bemerke er manchmal, dass etwas fehlt. Wahrscheinlich gestohlen und verkauft, sagt er.

Anderes verschwindet mit dem Abriss von Gebäuden. Wenn die Einwohnerzahl schrumpft, geht der Stadtumbau weiter. So auch in Eisenhüttenstadt, wo Martin Maleschka derzeit mit dem Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee eine Ausstellung mit dem Arbeitstitel «100 Jahre Eisenhüttenstadt - von der Utopie zur Peripherie?» plant. Betrachtet werden die DDR-Zeit, die Nachwendejahre - und eine mögliche Zukunft. Gefragt wird: Wie sieht die Stadt 2051 aus? Wer lebt dort noch?

Auch an der Entwicklung einer Ausstellung über baubezogene Kunst im Ostberliner U-Bahn-Netz arbeitet Maleschka mit. Die Liste ist lang. Je mehr er im Kalender auf seinem Smartphone stöbert, desto mehr Projekte fallen ihm ein. Weil er so viel Wissen angehäuft hat, wird er immer wieder gefragt, ob er nicht promovieren wolle. Aber wann? Ständig erreichen ihn Anfragen. «Hier liegt was im Argen. Dort wird was abgerissen.» Wann solle er dann noch eine Doktorarbeit schreiben, fragt er und lacht.

Am Donnerstag eröffnet Martin Maleschka die Ausstellung «Aus der Schatzkammer» in der Architektur-Galerie Berlin - Satellit, Karl-Marx-Allee 98. Sie ist bis 21. Dezember 2019 zu sehen.

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