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Im Funkloch des Sturms

  • Von Adrian Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.

Ich bin ja jetzt auch schon ein paar Jahre auf der Welt, und mache mir meine Gedanken. Zum Beispiel habe ich immer noch nicht verstanden und werde von der Frage belastet: ob man denn nun im Zug »telefonieren kann« oder nicht? Wenn man es »kann«, ist mir schleierhaft, warum es bei meinen Versuchen so oft nicht klappt, die Verbindung auf einmal abbricht. Wenn man es »nicht kann«, ist mir noch schleierhafter, warum es dann doch alle tun, versuchen, vorgeben, ich weiß es doch nicht.

Das ist nicht irgendeine Frage. Ich trage das Scheißding ja an meinem Körper; ich muss es. Schließlich habe ich das Festnetztelefon damals zusammen mit dem Fernseher vor einen einfahrenden Regionalexpress geschmissen, das schien mir zu der Zeit ein angemessenes Verhalten. Potenzielle Auftraggeber wie der Bundesverband deutscher Primelzüchter (er will meine Meinung zu den neuesten Entwicklungen wissen) erreichen mich seither notgedrungen schlecht auf dem Handy. Bekannte wollen mich vom Zug abholen, solange ich in ihrer Stadt noch den Bahnhof betreten darf. Der Zug hat Verspätung, ich muss es ihnen sagen können.

Damit zum Zentralstück meiner aktuellen Theorie: Die Deutsche Bahn wurde nur deshalb in den Neunzigern teilprivatisiert und damit zugrunde gerichtet, um den Leuten einen Grund zu geben, ein Handy zu kaufen. Würde die Bahn noch funktionieren, bräuchten wir gar keine Handys (was wir sowieso gar nicht tun, sondern nur glauben); vielmehr wäre die Bahn unser Handy, unser kollektives Handy. Denn wonach man die Uhr stellen kann, damit kann man sicher auch telefonieren. Warum sonst hat mein Handy eine Weckerfunktion? Und warum klingeln beide, Handy und (!) Wecker? Schon mal jemand drüber nachgedacht? Eine Atomuhr empfängt außerdem auch Strahlen, genauso eine Mikrowelle, darin ist ja meist ebenfalls eine Uhr, und die Zeit stoppen kann sie auch, also die Mikrowelle, wenn man es ihr (in ihrer Sprache) sagt.

Wenn man es recht bedenkt, ist sogar das meiste davon ein rechter Firlefanz, und man könnte sicher ganz bequem mit der Mikrowelle zur Arbeit fahren, das Essen hätte man direkt unter sich mit sich dabei. Die Mächtigen wollen nicht, dass wir das wissen, damit wir weiterhin teure Elektrogeräte und Radiergummis in Museumsshops kaufen, um unsere Gehirne ohne ihr Zutun weiterhin unbemerkt wertvoller Handlungskraft zu berauben.

Würde man fünftausend Kinder drei Wochen lang stündlich jeweils mindestens zehn Mal pro Kind eine ganz normale Plastikrutsche runterrutschen lassen, lüden sich die Mikrowellen alle wieder auf und man würde gar nicht mehr hinterherkommen damit, sie mit Essen zu befüllen. Das ist das Paradox der Befreiung, weswegen bislang auch noch keine Revolution wirklich erfolgreich war. Die Leute wollen eben gar nicht mehr zur Arbeit fahren, sondern zu Hause mit ihrem analogen Dosenöffner LCD- und Plasma-Bildschirme aufschürfen, dass es laut kracht, ihre Zunge an den Scherben kaputtmachen und den Bildschirminhalt leertrinken.

Genau das hat bisher tatsächlich noch niemand verstanden und auch ich nicht, na ja.

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