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Todesgefahr Brückenquerung

Einsturz mit zwei Toten löst in Frankreich Debatte über den Zustand der Infrastruktur aus

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Brückeneinsturz mit zwei Todesopfern hat in Frankreich eine Debatte über den Zustand der Infrastruktur ausgelöst. Die Metallhängebrücke im Dorf Mirepoix-sur-Tarn nördlich des südfranzösischen Toulouse brach am Montagmorgen zusammen, als ein Lastwagen darüber fuhr. Der Fahrer ertrank. Das zweite Opfer war ein 15-jähriges Mädchen, das zeitgleich mit seiner Mutter die Brücke passierte. Laut Medienberichten soll der Lastwagen das zulässige Gewicht überschritten haben. Die 150 Meter lange und nur 6,5 Meter breite Brücke war für Fahrzeuge, die schwerer als 19 Tonnen sind, gesperrt. Der Lkw soll 50 Tonnen gewogen haben.

»Das war zu erwarten«, kommentierte der Chef der Zentrumspartei und Mitglied des Senats, Hervé Maurey, das Unglück. Maurey verfasste kürzlich im Auftrag des französischen Oberhauses einen Untersuchungsbericht über die Brücken des Landes. Anlass dafür war der Brückeneinsturz von Genua im Sommer 2018 mit 43 Toten. Die Ergebnisse, die Maurey vorgelegte, sind schockierend. Viele Brücken Frankreichs werden sträflich vernachlässigt.

Rund 200 000 bis 250 000 gibt es von ihnen in Frankreich. Davon befinden sich je 12 000 in der Zuständigkeit des Staates und der privaten Autobahngesellschaften, für 100 000 bis 120 000 Brücken sind die Departements verantwortlich und für die restlichen 100 000 die jeweiligen Städte und Gemeinden. Da die Departements und Kommunen je nach Finanzlage und eigenem Ermessen mehr oder weniger Mittel in die Unterhaltung und Instandsetzung ihrer Brücken investieren, ist deren Zustand sehr unterschiedlich.

Im Schnitt, so schlussfolgern die Senatoren um Maurey, sind 25 000 Brücken in einem »strukturell schlechten Zustand« und stellen ein Sicherheitsrisiko dar. Am besten ist die Lage noch bei den staatlichen Brücken und bei den Autobahnbrücken. Bei den Departements hingegen weisen 8,5 Prozent der Brücken ernsthafte Mängel auf. Bei den Brücken der Kommunen sind es sogar 18 Prozent.

In dieser Hinsicht ist Frankreich im europäischen Vergleich schon auf den 18. Rang gefallen. Die Lage droht sich in den nächsten Jahren noch weiter zuzuspitzen, weil die Schere zwischen den aufgewendeten und den benötigten Mitteln erschreckend groß ist. Die Senatoren warnen vor den Folgen und fordern einen »Marshall-Plan«, um mittelfristig die Brücken des Landes wieder in einen befriedigenden Zustand zu versetzen. Das würde über zehn Jahre verteilt 1,3 Milliarden Euro kosten. Übrigens war die wegen Überlastung eingestürzte Brücke von Mirepoix-sur-Tarn angeblich eine löbliche Ausnahme: Den Behörden zufolge war sie 1931 gebaut, 2003 überholt worden und wies bei der letzten Inspektion 2017 keine Mängel auf.

Doch nicht nur die französischen Brücken, sondern auch viele Straßen befinden sich in einem besorgniserregenden Zustand. Auch hier wird seit Jahren weit weniger investiert, als nötig wäre. Nach Angaben des Verkehrsministeriums weisen 17 Prozent aller Straßen »ernsthafte Schäden« auf, und die Lage verschlechtert sich weiter, weil die für Reparaturen zur Verfügung stehenden Mittel seit dem Jahr 2013 im Schnitt um 25 Prozent gekürzt wurden. So werden die durch Winterfröste entstandenen Schlaglöcher oder Verschleißschäden oft nur notdürftig gefüllt, statt dass die Straßen gründlich ausgebessert werden.

Dabei wird dies immer teurer, je länger man zögert. Für das laufende Jahr hat die Regierung mehr Mittel versprochen und 800 Millionen Euro bereit gestellt. Im kommenden Jahr sollen es 845 Millionen Euro sein, während es in den vorangegangenen Jahren jeweils 660 Millionen Euro waren. Doch Experten zufolge wäre mindestens eine Milliarde Euro pro Jahr nötig.

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