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Den Vorgänger überflügeln

Trainer Stefan Horngacher strebt mit Deutschlands Skispringern nach einem besonderen Sieg

  • Von Lars Becker
  • Lesedauer: 4 Min.

Angst hat Stefan Horngacher nicht. Weder vor den großen Erwartungen an die deutschen Skispringer nach vielen erfolgreichen Jahren unter seinem Vorgänger Werner Schuster noch vor der gewaltigen Kulisse Zehntausender polnischer Fans, die ihn beim Weltcupauftakt an diesem Wochenende in Wisla empfangen werden. »Da ist nichts Böses zu erwarten. Ich denke, dass die polnischen Fans meine in den letzten drei Jahren geleistete Arbeit schätzen und verstanden haben, warum ich nach Deutschland zurückgegangen bin«, sagt der neue Bundestrainer.

Tatsächlich hat Horngacher in seiner ehemaligen Heimat Polen eigentlich ein Denkmal verdient. Seit 2016 gewannen Kamil Stoch und Co unter seiner Führung alles, was es auf den Schanzen zu holen gibt: Olympiagold, WM-Titel, Gesamtweltcup und Vierschanzentournee. Trotzdem gab Horngacher nach drei Jahren seinen hoch dotierten Posten in Polen auf. Seine in Titisee-Neustadt im Schwarzwald lebende Familie mit Frau Nicole und den beiden gemeinsamen Kindern war ein wichtiges Argument für die Rückkehr zum Deutschen Skiverband.

Dort, wo er bis 2016 als Assistent seines österreichischen Landsmanns Werner Schuster gearbeitet hatte, ist er nun der Chef des Ganzen. Und wird an den Erfolgen seines Vorgängers gemessen werden. Sieben WM-Titel und zwei Olympiasiege haben die deutschen Skispringer in der Ära Schuster seit 2008 gefeiert. Im letzten Winter gab es bei den Weltmeisterschaften mit drei von vier möglichen Goldmedaillen fast eine perfekte Bilanz. Eine schwierige Ausgangsposition für Stefan Horngacher beim Start in eine neue Ära. Zumal mit Olympiasieger Andreas Wellinger, dem einstigen Vorflieger Severin Freund und Toptalent David Siegel gleich drei potenzielle Leistungsträger verletzungsbedingt ausfallen.

Der 50-jährige Bundestrainer bleibt trotzdem optimistisch. Der Druck im anstehenden Winter ist glücklicherweise nicht ganz so groß, weil weder Olympische Spiele noch Weltmeisterschaften im Wettkampfkalender sind. »Ich weiß nicht, welches Team auf der Welt solche Ausfälle kompensieren kann. Wir schaffen es fast. Unser Ziel zum Auftakt ist, mit ein, zwei Springern im Anschlussbereich zur Weltspitze zu sein. Und uns im Laufe der Saison so zu steigern, dass wir Athleten aufs Podest bringen.« Die Aussagen von Horngacher sind auch deshalb so vorsichtig, weil die Leistungen seiner Athleten beim Sommer-Grand-Prix mit Ausnahme eines Sieges von Karl Geiger in Hinterzarten nicht so berauschend waren.

Das hat etwas mit den grundlegenden Änderungen zu tun, die Stefan Horngacher vollzogen hat. Bis auf Jens Deimel wurde das komplette Trainerteam ausgetauscht. Auch die Arbeitsweise des neuen Chefs ist anders als die seines Vorgängers. Während Schuster vor allem ein Meister in der Führung von weitgehend autark arbeitenden Teammitgliedern war, setzt Horngacher mehr auf persönliche Führung. »Die Betreuung ist weniger individuell, sondern wird zentral von mir gesteuert. Ich gebe die Infos an die Springer weiter«, berichtet der neue Chefcoach. »Außerdem hat sich das Training verändert. Wir sind nur noch auf Lehrgängen Ski gesprungen und nicht mehr daheim auf den Schanzen. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass die Schanzen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Oberwiesenthal nicht sprungbereit waren.«

In einem sensiblen Sport wie Skispringen sind das sehr viele Änderungen auf einmal. Horngacher räumt selbst ein, dass »es eine Zeit gedauert hat, bis das Verständnis bei den Springern dafür da war«. Deshalb werde es auch eine gewisse Zeit dauern, bis Erfolge sichtbar werden. Es ist also zum Auftakt in Wisla noch nicht besonders viel zu erwarten vom deutschen Team. Am ehesten könnten laut Horngacher »die üblichen Verdächtigen« wie der viermalige Weltmeister Markus Eisenbichler oder der zweimalige Teamweltmeister Karl Geiger im Bereich der Top Ten mitmischen.

Viel wichtiger als ein grandioser Weltcupstart ist Stefan Horngacher jedoch die Vierschanzentournee - neben der Skiflug-WM im März 2020 das größte Highlight in diesem Winter. Die Deutschen warten inzwischen seit 18 Jahren auf einen Gesamtsieg beim Skisprung-Grand-Slam. Es ist dieser eine, so wichtige Titel, den auch Werner Schuster nicht holen konnte. »Mit Kamil Stoch habe ich ja in Polen zweimal die Tournee gewonnen. Wir werden für diesen Sieg kämpfen. Es gibt im Hintergrund schon ein paar Vorbereitungen. Wir haben auch in Sachen Material noch etwas in petto«, verrät Horngacher. Angst vor dieser großen Aufgabe hat dieser Mann wirklich nicht.

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